Kinder brauchen eine tiefe emotionale Verwurzelung. Je sicherer und innerlich „gehaltener“ Kinder sind, desto neugieriger wagen sie sich ins „Abenteuer Leben“. Oder, wie der deutsche Buchautor und Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster es ausdrückt: „Sicher gebundene Kinder haben wache Augen“. Wichtigste Zeit für das Entstehen der „Ressource Bindung“ ist laut Fachleuten die frühe Kindheit.

Von Regula Lehmann

Was in der Schwangerschaft beginnt, muss nach der Geburt weiter gepflegt und unterstützt werden. Der kanadische Bindungsforscher Dr. Gordon Neufeld betont, dass ein Kind ein bis zwei Personen braucht, bei denen es sich verbindlich „festmachen“ kann. Dass es idealerweise die leiblichen Eltern sind, die ihrem Kind eine sichere und auf Dauer angelegte Bindungsmöglichkeit anbieten, liegt auf der Hand. Niemand fühlt sich einem Kind natürlicherweise so tief verpflichtet und zu niemandem fühlt sich ein Kind so stark hingezogen wie zu den leiblichen Eltern. Ausnahmen bestätigen auch hier letztlich nur die Regel. Weitere Personen ergänzen und bereichern das „Bindungsdorf “ des Kindes, wie Neufeld es nennt. Familie ist immer auch ein generationenübergreifendes Beziehungsnetz.

Sichere Bindung – mutige Kinder

Kleinkinder definieren ihren Wert über die Zuwendung, die sie von ihren Bezugspersonen erleben. Im vertrauten Blickkontakt und im liebevollen Versorgt-Werden entsteht das Bewusstsein „ich bin wichtig“, „ich werde wahrgenommen“, „ich bin liebenswert“. Aus dieser Sicherheit heraus entwickeln sich gesunde Neugier und Entdeckerlust. „Wenn Kinder sich wohlfühlen, wollen sie sofort los“, formuliert Dr. Herbert Renz-Polster das Geheimnis sicherer Bindung. Renz-Polster ist Kinderarzt und Wissenschaftler und gilt als eine der profiliertesten Stimmen in Fragen der kindlichen Entwicklung. Sichere Bindung macht Kinder also nicht auf ungesunde Weise abhängig, sondern mutig und lebenstüchtig.

Entscheidend wichtig ist der Zusammenhang von Bindung und Entwicklungspsychologie. Fachleute weisen beispielsweise darauf hin, dass Kinder bis zum Alter von drei Jahren nicht länger als einige Stunden von Mama oder Papa getrennt werden sollten, weil sie grössere Zeiträume noch nicht abschätzen können. Kehren Mama oder Papa auch nach fünf oder sechs Stunden noch nicht zurück, entwickeln viele Kleinkinder Verlustängste und es können sich Bindungsstörungen entwickeln. Nicht immer treten diese offen zutage.

Kinder tun alles, um ihre Eltern zufriedenzustellen, und es erfordert oft Feingefühl, die feinen Anzeichen und „Störungsmeldungen“ zu erkennen, die Kinder aussenden. Das Kindeswohl hängt entscheidend von der Bereitschaft der Erwachsenen ab, ehrlich hinzuschauen und, wo notwendig, die eigene Lebensplanung an die kindlichen Grundbedürfnisse anzupassen. Frühkindliche Bindung – damit Kinder mit wachen Augen ins „Abenteuer Leben“ starten.


Regula Lehmann ist Familiencoach, Autorin von Erziehungsbüchern, Ehefrau und Mutter von drei erwachsenen Kindern und einem Teenager. Als Leiterin der Ehe- und Familienprojekte hält sie für Zukunft CH Vorträge zum Thema „Stark durch Bindung und Präsenz“ und gibt den Teilnehmern ein neues Bewusstsein, was die elterliche Präsenz bei Kindern bewirkt. Gerne organisieren wir auch mit Ihnen einen Vortrag! Melden Sie sich einfach unter: www.zukunft-ch.ch/kontakt