Quer zum Vereinbarkeits- und Krippen-Mythos

Die bekannte Schweizer Erziehungswissenschaftlerin Magrit Stamm bremst im Interview mit der Weltwoche (Nr. 27, 2018) die Krippen- und Vereinbarkeits-Euphorie, die selbst bei bürgerlichen Parteien zunehmend dominiert.

„In der Forschung ist man sich einig, dass sehr, wirklich sehr benachteiligte Kinder aus eigentlichen Risikofamilien von einer frühen auswärtigen Betreuung profitieren und diese ihnen zu einem guten Lebensweg verhilft“, erklärt Stamm. Doch schon bei der Gruppe jener, die in einem häuslichen Umfeld aufwachsen würden, das nicht speziell förderlich sei, seien die Ergebnisse sehr unterschiedlich. „Solche Kinder profitieren zwar ein bisschen von der Kita, machen aber nicht die Fortschritte, die man von ihnen erwartet. Und sämtliche Untersuchungen zeigen, dass gutsituierte Kinder immer einen Vorsprung haben – und zwar in erster Linie wegen der häuslichen Förderung, nicht wegen des Besuchs einer Krippe.“ Stamm hält auch fest, dass es empirisch in keiner Weise nachgewiesen ist, dass die Kita für „Startchancengleichheit“ oder für „Bildung für alle“ sorgt, wie euphorisch behauptet wird. „Durch einen Kita-Besuch kann man keine Nachteile wirklich ausgleichen. Die Familie habe eine viel grössere Wirkung auf das Kind als jede Krippe.

Zum Thema Vereinbarkeit vertritt Stamm ebenfalls einen Standpunkt, der quer steht zur feministischen Emanzipationsideologie: „Das Vollzeitmodell darf nur eine Möglichkeit unter anderen sein. Will eine Mutter Vollzeit arbeiten, braucht sie erstens eine unerhörte psychische Stärke – ich selbst hätte diese nicht gehabt –, und zweitens müssen die Kinder einigermassen pflegeleicht sein und dieses Leben mitmachen.“

2018-08-14T15:18:49+00:00 26.07.2018|