„Mein Herz ist heute gebrochen“, twittert Michelle Obama am 24. Juni 2022. An diesem Tag hat der Oberste Gerichtshof der USA durch das Kippen von Roe vs. Wade entschieden, die Rechtsprechung bezüglich Abtreibung in die Verantwortung der einzelnen Bundesstaaten zurückzugeben. Es wird erwartet, dass in einigen Staaten Abtreibung nun nahezu gänzlich verboten wird. Doch ist das wirklich ein Grund für ein gebrochenes Herz?

Von Ursula Baumgartner

„Mein Herz ist gebrochen für all die Menschen in diesem Land, die gerade das grundlegende Recht verloren haben, informierte Entscheidungen über ihren eigenen Körper zu treffen.“ So betrauert Michelle Obama, die Gattin des ehemaligen US-Präsidenten, das Ende von Roe vs. Wade. Doch auch wenn sie im Folgenden ihre Gedanken noch sehr viel eloquenter erläutert, enthält allein dieser Satz einige Aspekte, die bei Diskussionen zwischen Vertretern der „Pro-Life“- und der „Pro-Choice“-Bewegung regelmässig für mehr als nur Missverständnisse sorgen.

Um wessen Körper geht es?

Michelle Obama ist nicht die einzige, die die Ansicht vertritt, eine Abtreibung sei die Entscheidung einer Frau über ihren eigenen Körper. Allzu oft hört man in Diskussionen die Parole „My body, my choice“, also „Mein Körper, meine Entscheidung!“ Nun kann man sich die Frage stellen: Betrifft eine Schwangerschaft den Körper einer Frau? Ja. Betrifft Abtreibung den Körper einer Frau? Auch ja, natürlich. Doch betrifft die Abtreibung ausschliesslich den Körper der Frau? Nein. Denn in ihrem Körper lebt für die Zeit der Schwangerschaft ein weiterer, zusätzlicher kleiner Körper mit eigenem Kreislauf und eigener DNA, der Körper ihres Kindes. Die Abtreibung ist zwar ein Vorgang, der im Körper einer Frau stattfindet. Der hauptsächlich von der Abtreibung betroffene Körper aber ist der andere. Der nämlich, dessen kleines Herz vor der Abtreibung schlug und nach der Abtreibung nicht mehr. Der, der vor der Abtreibung in der Gebärmutter herumturnte und dessen auseinander gerissene Einzelteile nach der Abtreibung auf Vollständigkeit überprüft werden müssen, um sicherzugehen, dass nicht ein kleiner Arm oder der Rumpf in der Gebärmutter verblieb und eine Infektion auslöst. Der, der vor der Abtreibung durch die Plazenta versorgt wurde und sich täglich weiterentwickelte, und der nach der Abtreibung mit der ebenfalls abgesaugten oder ausgestossenen Plazenta in einem Schälchen liegt und später durch eine Entsorgungsfirma abgeholt wird.

Eine Frau kann auch nach dem Ende von Roe vs. Wade über ihren eigenen Körper entscheiden. Sie kann entscheiden, was sie isst, wie sie sich kleidet, wieviel Sport sie treibt, ob sie sich tätowieren lässt, mit wem sie schläft. Aber die Entscheidung für eine Abtreibung tötet nicht ihren eigenen Körper, sondern den ihres Kindes. Und wenn Frauen seit 1973 der Meinung sind, Abtreibung betreffe lediglich ihren eigenen Körper, ist es höchste Zeit, ihnen diese Illusion zu nehmen und echte Aufklärung voranzutreiben.

Informierte Entscheidungen

Aber wenn bereits die Behauptung, aufgrund derer Frauen seit 50 Jahren ein Recht einfordern, völlig falsch ist, wie gut informiert sind sie denn dann eigentlich, wenn sie ihre Entscheidungentreffen? Man darf bezweifeln, dass jede Frau, die im letzten halben Jahrhundert abgetrieben hat, wirklich fundiert unterrichtet war über die Entwicklung ihres Kindes, das in ihrem Körper heranwuchs, die Vorgänge bei einer Abtreibung und deren Folgen.

Michelle Obama weist ein paar Zeilen weiter unten wieder auf ihr Herz hin, welches nun für das schwangere Teenagermädchen bricht, „voll von Begeisterung und Zukunftsplänen, das nun nicht in der Lage sein wird, einen Schulabschluss zu machen“. Könnte bitte irgendjemand die ehemalige First Lady darüber informieren, dass man auch mit Kind eine Ausbildung zu Ende bringen kann? Es soll hier weder geleugnet werden, dass ein Leben völlig anders verläuft als ursprünglich geplant, wenn man im Jugendalter selbst schon ein Kind bekommt, noch dass dies Opfer verlangt und Schwierigkeiten bereithalten kann. Doch einer Schwangerschaft geht ja nun in aller Regel auch eine Entscheidung über den eigenen Körper voraus, die man nur als informiert bezeichnen kann, wenn man sich der möglichen Konsequenzen vorher bewusst war – also auch der Möglichkeit einer Schwangerschaft. Bevor Michelle Obamas Herz also auch noch bricht „für die Eltern, die sehen, wie sich die Zukunft ihres Kindes in Luft auflöst“, sollte sie sich fragen, wo diese Eltern denn waren, als es darum ging, eben jenes Kind aufzuklären und zu ermuntern, mit der Entdeckung seiner Sexualität zu warten, bis es in der Lage ist, alle Konsequenzen seines Handelns zu tragen. Und wenn sie dies schon unterlassen haben oder zumindest nicht erfolgreich darin waren, so sollten dann wenigstens alle – das schwangere Teeniemädchen, der eventuell auch noch sehr junge Kindsvater und beider Eltern, Geschwister, Freunde, Nachbarn, Lehrer, Ärzte und Beratungszentren – gemeinsam nach Möglichkeiten suchen, wie dieses ungeplante Kind in das Leben aller Beteiligten integriert werden kann. Das ist echte Hilfe. Das macht Frauen stark. Das lehrt die jungen werdenden Eltern, wie man wirklich informierte Entscheidungen trifft.

Die Macht der rhetorischen Mittel

Die tränenschwere Schwarz-Weiss-Malerei, die Michelle Obama mit diesen Beispielen betreibt, trägt jedenfalls nicht dazu bei. Im Gegenteil, ihre Twitter-Nachricht ist so voller Emotionen, dass sie bis hin zu manipulativ wirkt. So wird der Staat zur düsteren Übermacht, die jetzt wieder wie vor Roe vs. Wade den Frauen die Kontrolle über ihre reproduktiven Funktionen „verweigert“, sie zur Austragung einer unerwünschten Schwangerschaft „zwingt“ und sie nach der Geburt ihres Kindes „im Stich lässt“. Dass dem Staat beim Lebensschutz eine wichtige Rolle zukommt, indem er Schwangeren z.B. durch geregelten Mutterschutz und Kinderbetreuungsplätze die Entscheidung für ein Kind erleichtert, steht ausser Frage. Dass bezahlter Mutterschutz in den USA aber auch heute noch – nach acht Jahren Obama-Regierung – weit eher die Ausnahme als die Regel ist, sei hier nur am Rande erwähnt.

Der Chor der Entsetzten, die im Zuge des Endes von Roe vs. Wade lautstark die weitere völlige Entscheidungsfreiheit der Frauen fordern, ist vielstimmig. Zu ihm gehören nicht nur das Ehepaar Obama, sondern auch US-Präsident Joe Biden, Vize-Präsidentin Kamala Harris und viele weitere. Niemand von ihnen hat in seinen Stellungnahmen die Kinder, deren Leben jedes Mal bei einer Abtreibung beendet wird, auch nur ein einziges Mal erwähnt. Doch jeder von ihnen ersetzt den Begriff „Abtreibung“ mit „reproductive health care“, also etwa „Gesundheitsfürsorge im Bereich der Fortpflanzung“. Dieser vermeintlichen Fürsorge kommen die „health care workers“ nach, die Arbeitenden im Gesundheitswesen, die den Frauen „helfen“, indem das Kind getötet wird. Da eine Schwangerschaft aber keine Krankheit ist (!), sind diese sehr euphemistischen Ausdrücke gelinde gesagt irreführend. Und wenn man eine Fehlinformation wieder und wieder gebetsmühlenartig wiederholt, ist es nur konsequent, dass auch die daraufhin getroffenen Entscheidungen fehlinformiert sind.

Blicken wir noch einmal auf das von Michelle Obama betrauerte schwangere Teeniemädchen, das neben dem unmöglich gemachten Schulabschluss nun auch nicht „das Leben leben kann, das sie möchte, weil der Staat ihre reproduktiven Entscheidungen kontrolliert“. Abtreibung wird also indirekt als gangbarer Weg für die eigene Familien- und Lebensplanung abgesegnet. Dass mit solchen Aussagen die völlig falschen Vorstellungen vom „Zellhaufen“, der ja sowieso noch nichts spürt, genährt werden, dürfte klar sein. Dass aber indirekt das Ungeborene gegen seine Mutter ausgespielt wird, weil es der Hinderungsgrund für ein erfülltes Leben ist, ja, sogar dafür sorgt, dass die junge Mutter gar keine Zukunft hat, ist mehr als perfide.

Ein Recht auf Unrecht?

Doch diese Gedanken machen die Entscheidung natürlich leichter. Und sie setzen sich durch unzählige Wiederholungen in den Köpfen fest und sorgen dafür, dass Abtreibung in weiten Teilen der Bevölkerung als etwas angesehen wird, worauf Frauen ein Recht zustehen muss, will man nicht in düstere Vorzeiten zurückfallen. Niemand, der ganz bei Trost ist, kann schliesslich jemandem die Entfernung eines „Zellhaufens“ verwehren! Oder will man etwa die Zukunft eines jungen Mädchens zerstören? Und eines ist ganz klar: Je nachdrücklicher etwas als Recht deklariert wird, desto weniger wird man es als notwendig erachten, mitzuhelfen, dass möglichst wenig Frauen von diesem Recht Gebrauch machen. So ist auch zu verstehen, dass bei vielen die Alarmglocken läuten, wenn immer weniger Ärzte Abtreibungen durchführen wollen.

Doch egal, wie oft es gefordert wird: Ein Recht auf Abtreibung gibt es nicht und darf es niemals geben. Es kann Diskussionen geben, unter welchen Umständen die Tötung eines Ungeborenen nachvollziehbar ist. Hier steht jedem sofort das Bild eines durch Vergewaltigung schwanger gewordenen Mädchens vor dem inneren Auge, das Unfassbares in dieser Situation durchmacht. Doch dies ist ja nicht der Normalfall einer Abtreibung, wenn man hier überhaupt von „Normalfall“ sprechen möchte.

Den Frauen wird durch das Ende von Roe vs. Wade nicht „ein Recht genommen“, wie Obama und viele andere beklagen. Es ermöglicht lediglich den einzelnen Staaten, die Frage zu stellen, ob Roe vs. Wade nicht eigentlich ein grandioses Unrecht war, das die eine Seite der Gleichung – nämlich die Rechte der Ungeborenen – jahrzehntelang völlig ignorierte. Dass einige Staaten diese Frage mit Ja beantworten, ist höchste Zeit, wie ein Blick auf die Statistiken zeigt. Denn seit Roe vs. Wade im Jahr 1973 haben in den USA gut und gern 60 Millionen Abtreibungen stattgefunden. 60 Millionen Kinder durften das Licht der Welt nicht erblicken, weil ihre Mütter „reproduktive Gesundheitsfürsorge“ in Anspruch genommen haben. Dies entspricht in etwa der Gesamtbevölkerung Italiens. 60 Millionen Mal liess man ein Ungeborenes durch Medikamente verkümmern, man hat es verätzt, zerrissen, abgesaugt oder mit einer Spritze ins Herz getötet und anschliessend in Plastiksäcken entsorgt oder die Toilette hinuntergespült. Das ist das hässliche, versteckte, verschwiegene „Dorian Gray“-Porträt der Abtreibungsbewegung.

Wie oft in diesen Fällen echte Hilflosigkeit und Verzweiflung den Ausschlag gegeben hat, lässt sich aus den Statistiken nicht herauslesen. Wie oft sich eine Schwangere alleingelassen gefühlt hat, wie oft sie aus materieller und organisatorischer Not heraus und gegen ihr Herz diese Entscheidung gefällt hat, weiss niemand. Wie oft andererseits der weit gesteckte Rahmen von Roe vs. Wade dazu geführt hat, dass eine Abtreibung als eine Art nachträgliche Verhütung genutzt wurde, weiss auch niemand. Aber die Zahlen zeigen, dass in den letzten fünf Jahrzehnten das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit eines Ungeborenen in 60 Millionen Fällen letzten Endes als weniger wichtig erachtet wurde als das „Recht“ seiner Mutter, „informierte Entscheidungen über ihren eigenen Körper“ zu treffen. Und es wäre wünschenswert, dass das Herz der zweifachen Mutter Michelle Obama auch für diese wenigstens ein bisschen bricht.