Es war ein Moment des Gebets, der zum Massaker wurde. Am 22. Juni 2025 erschütterte ein schwerer Terroranschlag die syrische Hauptstadt Damaskus. Während der Abendmesse stürmte ein muslimischer Attentäter die griechisch-orthodoxe Kirche St. Elias im Stadtteil Dweil’a. Zunächst eröffnete er das Feuer, anschliessend sprengte er sich in die Luft. Dabei kamen mindestens 22 Menschen ums Leben, mehr als 50 weitere wurden verletzt.
Der Anschlag traf die christliche Gemeinde ins Mark und hinterliess ein Trauma, das bis heute nachwirkt. Gläubige, die sich zum Gebet versammelt hatten, wurden Opfer gezielter Gewalt in einem ihrer wichtigsten Schutzräume.
Trauer und Zusammenhalt im ganzen Land
Zwei Tage nach dem Angriff fand in der Mar-Elias-Kirche die Beerdigung der Opfer statt. Die Kirche war überfüllt, Angehörige hielten die Porträts der Verstorbenen in die Höhe, bevor sie diese auf die Särge legten. Die Szenen waren geprägt von tiefer Trauer, Verzweiflung, Fassungslosigkeit und emotionalen Abschieden.
Bereits am Vortag hatten sich Christen aller Konfessionen in ganz Syrien zu Gedenkfeiern versammelt. Die Kirchen waren so voll, dass viele Menschen im Freien standen. Die Tragödie wurde so zu einem Moment des überkonfessionellen Zusammenhalts.
Anschlagsgefahr bleibt akut
Ein Jahr später ist die Bedrohung keineswegs gebannt. Mitte Mai 2026 konnte in Aleppo ein weiterer Anschlag nur knapp verhindert werden. Während einer Beerdigung wurde im Innenhof einer Kirche ein verdächtiger Gegenstand entdeckt, der sich als Bombe herausstellte.
Unter den Anwesenden brach Panik aus, viele flüchteten in Angst. Nur durch das schnelle Eingreifen von Polizei und Experten konnte eine Katastrophe verhindert werden. Ein Augenzeuge sagte erleichtert: „Wir danken Gott, dass die Bombe fiel, bevor sie explodierte. Wenn sie explodiert wäre, während wir alle drinnen waren, wäre es ein Massaker gewesen. Wir hatten Glück, am Leben zu bleiben.“
Angst als Dauerzustand?
Die Folgen solcher Anschläge sind nicht nur physisch, sondern auch psychisch gravierend. Wie aus der am 15. Juni 2026 veröffentlichten Pressemitteilung des Hilfswerks Open Doors hervorgeht, ist Angst für viele Christen in Syrien zum Alltag geworden. Gottesdienste finden unter Sicherheitsvorkehrungen statt, Misstrauen begleitet jede Versammlung.
Parallel wächst der Bedarf an psychologischer Hilfe. Bereits vor dem Angriff in Damaskus hatten lokale Partner Hilfsprogramme zur Traumabewältigung aufgebaut, insbesondere für Frauen und Kinder. Nach dem Anschlag sind diese Angebote wichtiger denn je. Die christliche Bevölkerung lebt weiterhin in ständiger Unsicherheit.
Christliche Bevölkerung drastisch geschrumpft
Die Situation der Christen in Syrien hat sich in den vergangenen Jahren dramatisch verändert. Seit 2011 ist ihre Zahl von 1,8 Millionen auf etwa 300’000 gesunken. Viele, insbesondere junge Menschen, haben das Land aus Mangel an Perspektiven verlassen. Pater Bashar Laham, einer der Initianten von Traumaseminaren in Damaskus, sieht die Zukunft dennoch nicht nur pessimistisch. Er betont, dass die Kirche überleben könne – vorausgesetzt, Sicherheit und wirtschaftliche Perspektiven kehren zurück. Derzeit seien diese Voraussetzungen jedoch nicht gegeben.
Konvertiten besonders gefährdet
Besonders gefährdet sind Christen, die vom Islam zum Christentum konvertiert sind. Sie gelten als Hochrisikogruppe und sind oft stärkerer Verfolgung ausgesetzt als Christen, die in christlichen Familien aufgewachsen sind.
Konvertiten drohen harte Konsequenzen: körperliche Gewalt, gesellschaftliche Ausgrenzung oder sogar Todesdrohungen. In vielen Fällen verlieren sie ihr Zuhause oder werden von ihren Familien verstossen.
Ein Kreislauf aus Angst und Unsicherheit
Der Anschlag von Damaskus und der vereitelte Angriff in Aleppo zeigen, dass Christen in Syrien weiterhin in einem Umfeld leben, das von Unsicherheit und Gewalt geprägt ist. Auch ein Jahr nach der Tragödie ist die Gefahr neuer Angriffe real.
Die Lage bleibt angespannt und für viele Gläubige ist der Alltag weiterhin von der Frage geprägt, ob ihr nächster Kirchenbesuch noch sicher sein wird.
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