Weihnachten

Markt und Straßen steh’n verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh‘ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.

An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein steh’n und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.

Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!

Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!

Diese lieblichen Verse stammen aus der Feder des romantischen Dichters Joseph von Eichendorff (1788-1857). Doch so gern wir dieses Gedicht heute noch lesen und uns in seine ruhige, besinnliche Atmosphäre mit hineinnehmen lassen, so wenig hat es mit der Hektik der Vorweihnachtszeit zu tun, die die Menschen heute vielfach belastet.

Was würde Eichendorff heute schreiben? Angesichts von Vorgärten, in denen LED-erleuchtete Schlitten mit zahlreichen Rentieren neben einer bunt blinkenden Hecke geparkt sind, drängt sich einem eher die Formulierung „Grell erleuchtet jedes Haus“ auf. Und auch dass die Kinder „wunderstill beglückt“ sind, ist eine Umschreibung, von der manch eine vorweihnachtlich gestresste Mutter nur träumen kann.

An Weihnachten verwandelt sich bei vielen der Hang zum Perfektionismus in die Verpflichtung dazu: Das Haus muss vom Keller bis zum Dach dekoriert sein, 17 Sorten selbstgemachtes Weihnachtsgebäck, selbstgestrickte Socken für Gotte Heidi, eine handgebatikte Krawatte für Götti Christoph und auf dem Tisch natürlich der perfekte Festtagsbraten. Und über all dem Vorbereiten vergisst man, selbst zum Haus zu werden, das „still erleuchtet“ die Feiertage begeht.

Vielleicht wäre es also ratsam, dass jeder von uns gedanklich „aus den Mauern bis hinaus ins freie Feld“ wandert, um Kopf und Herz freizubekommen für die „gnadenreiche Zeit“. Denn wenn man selbst Festtagsfreude und Ruhe ausstrahlt, dann sind irgendwann auch die Menschen im Umfeld „wunderstill beglückt“.