Reiss! Lauf! Schlag aus! Spring! Klingt diese Häufung von Imperativen für Sie nach Advent? Nein, bei so vielen Befehlen kommt doch gar keine gemütliche „Glühwein, Zimtstern und Kerzen“-Stimmung auf! Und doch kennen wir diese drängenden Bitten alle aus einem viel gesungenen Adventslied.

Von Ursula Baumgartner

Im Jahr 1622 – also vor genau 400 Jahren – erschien „O Heiland, reiss die Himmel auf“ zum ersten Mal im Druck. Der Dreissigjährige Krieg und der dadurch allgegenwärtige Tod versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. Der Mainzer Jesuit Friedrich Spee traf also durchaus den Nerv der Zeit, als er die sechs ersten Strophen des Liedes dichtete – die siebte wurde erst nach seinem Tod hinzugefügt.

Angelehnt an den Propheten Jesaja aus dem Alten Testament der Bibel, ist dieses Lied ein Ruf nach Erlösung aus einer echten Not heraus. Doch auch 400 Jahre später hat es nichts von seiner Aktualität verloren. Denn angesichts all der Ereignisse des nun fast vergangenen Jahres sehnen sich auch die Menschen heute vielfach nach dem „Trost der ganzen Welt“, der im wörtlichen wie im übertragenen Sinne dafür sorgen soll, „dass Berg und Tal grün alles werd`“. Und vielleicht ist der grösste Beitrag, den man selbst dazu leisten kann, der, dass man in seinem eigenen Herzen all das abreisst, „wo Schloss und Riegel für“, wie es so schön in dem Lied heisst.

In diesem Sinne: einen trostvollen, schönen und unbeschwerten ersten Advent!

 

Liedtext „O Heiland, reiss die Himmel auf“

O Heiland, reiss die Himmel auf,
Herab, herab, vom Himmel lauf,
Reiss ab vom Himmel Tor und Tür,
Reiss ab, wo Schloß und Riegel für!

O Gott, ein’ Tau vom Himmel giess,
Im Tau herab, o Heiland, fliess.
Ihr Wolken, brecht und regnet aus
Den König über Jakobs Haus.

O Erd, schlag aus, schlag aus, o Erd,
Daß Berg und Tal grün alles werd.
O Erd, herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring.

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
Darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
Komm tröst uns hier im Jammertal.

O klare Sonn, du schöner Stern,
Dich wollten wir anschauen gern;
O Sonn, geh auf, ohn’ deinen Schein
In Finsternis wir alle sein.

Hie leiden wir die grösste Not,
Vor Augen steht der ewig Tod.
Ach komm, führ uns mit starker Hand
Vom Elend zu dem Vaterland.

Da wollen wir all danken dir,
Unserm Erlöser, für und für;
Da wollen wir all loben dich
Zu aller Zeit und ewiglich.