Sie wollten Freiheit und das Gute. Doch aus der Sicht des Schweizer Historikers Daniel Regli mündeten die guten Vorsätze der 68er-Bewegung in einem Desaster. Er diagnostiziert: Zerfall von Ehen und Familien, vereinsamte Kinder, wachsende Arbeitslosigkeit sowie explodierende Sozialkosten. In seinem Buch „Die 68er-Falle“ fasst Daniel Regli seine Gedanken zu der 68er-Bewegung und ihren Auswirkungen bis heute zusammen.
Zukunft CH: Herr Regli, was ist das, die „68er-Falle“?

Daniel Regli: Im Jahr 1968 erreichte das seine Breitenwirkung, was sich neulinke Vordenker seit den 1930er Jahren ausgemalt hatten. Die Gedanken elitärer Kreise wurden nun von breiten Massen aufgenommen. Der zentrale Leitwert lautete: Jeder soll tun und lassen können, was er will, ohne Rücksicht auf jegliche Autoritäten.

Zukunft CH: Tun und lassen können, was man will – was ist daran nicht gut?

Daniel Regli: Das Tun mag einfach sein. Das Lassen aber nicht. Nicht jede Handlung führt zur Freiheit. Falsche Handlungsmuster ziehen Abhängigkeiten nach sich. Nehmen wir das Rauchen. Anfangen ist leicht, das Lassen nicht mehr.
Die sexuelle Revolution ist ein wichtiger Teil der 68er-Bewegung. Die Familie wird ausgebremst. Jeder tut und lässt, was er will. Man kann aber nicht gleichzeitig alles ausleben und eine erfüllende Beziehung aufbauen. Das Exzessive führt in die Vereinsamung.

Zukunft CH: Wo waren die Kirchen da? Haben die Christen kein Gegenprogramm entwickelt bzw. haben sie es verschlafen, ihre Werte zu repräsentieren?

Daniel Regli: Ein Motto der Public Relations lautet: Tue Gutes und sprich darüber! Leider gab und gibt es nur wenige Kirchen und kirchliche Organisationen, die mit ihrem ‚Gutes tun’ wirklich auffallen. Katholiken und Freikirchler verstecken sich zu stark hinter Kirchenmauern. Dort mag es viel Gutes geben. Aber man bleibt in den eigenen Reihen und verzichtet darauf, proaktiv gesellschaftliche und politische Verantwortung zu übernehmen. Das Personal der reformierten Landeskirche verbündete sich weitgehend mit dem Links-Liberalismus. Leider sind viele Pfarrer/-innen sind für Abtreibung, kirchliche Homo-Parties, Zen-Buddhismus und tausend andere Dinge. Aus biblischer Sicht tun sie nichts Gutes. Sie sprechen aber umso lauter darüber. Schliesslich haben sie die Medien auf ihrer Seite. So ist die kirchliche PR im öffentlichen Raum über weite Strecken irreführend und somit destruktiv.

Zukunft CH: Sie sprechen in Ihrem Buch auch von Abtreibungen – was hat das mit den Linken zu tun?

Daniel Regli: Es ist die Umsetzung dessen, was Jean-Paul Sartre sagt: Der Mensch müsse sich immer wieder selbst entwerfen. Das sei der Sinn des Lebens. Und wenn sich diesem Entwurf etwas in den Weg stellt, muss es weg. Wenn es ein Kind ist, dann muss es eben eliminiert werden. Dass wir wegen exzessivem Egoismus der Tötung von tausenden von Embryos Tür und Tor geöffnet haben, ist eine fatale Entwicklung. Die Gesellschaft wird sich eines Tages noch zu verantworten haben. Zudem ist es eine traurige Sache, wenn ein Mensch sich immer wieder selbst erfinden muss. Dann hat er nämlich kein Fundament und ist auch nie am Ziel.

Zukunft CH: Sie schreiben auch über den deutschen Politiker Volker Beck, der „Sex mit Kindern entkriminalisieren“ will. Inwieweit gehört Pädophilie mit zu jener Falle?

Daniel Regli: Wenn sich alle entfalten können, dann fühlt sich der Pädophile zu kurz gekommen. Er sagt dann: „Alle dürfen das, nur ich nicht.“ Diejenigen, die die sexuelle Revolution orchestrierten, sprachen von sexuellen Bedürfnissen von Kindern, zum Beispiel Sigmund Freud und Wilhelm Reich. Man verkennt jedoch, dass diese Sexualisierung der Kinderseele extrem schadet. Man redet über den Körper und momentane Empfindungen. Doch die tragischen Folgen werden ausgeblendet.

Zukunft CH: Sie sprechen in Ihrem Buch von einem Desaster – wie sieht dieses aus?

Daniel Regli: Wirtschaftlich schlägt sich das in der Staatsverschuldung nieder und beziehungsmässig in Ehe und Familie. Zum einen höhlt die Politik der massenhaft aufgehaltenen Hand die Staatsfinanzen aus. Als Nation, die wirtschaftliche Höchstleistungen bringt, sind wir mit 250 Mrd. Franken verschuldet. Wenn das kein Desaster ist! Und dann unsere Beziehungsqualität. Lust und Egoismus haben noch nie glückliche und andauernde Beziehungen in Ehe und Familie ermöglicht. Die sozialen Strukturen brechen in ungekanntem Ausmass auseinander. ‚Treue Liebe’ gibt es kaum mehr als öffentlichen Leitwert. So zerfällt und schrumpft die Bevölkerung. Einige Völker haben sich von solchen Abwärtstrends erholt. Andere, wie die Mayas, die Azteken oder die Römer sind auf dem Abfallhaufen der Geschichte gelandet. Ob unser Volk immer weiter abnimmt und durch nichtchristliche Zuwanderer ersetzt wird, wird sich zeigen. Ich jedenfalls arbeite dafür, dass wir aufwachen und umkehren.

Zukunft CH: Sie sprechen auch von Gutem innerhalb dessen, was Sie „Die 68er-Falle“ nennen …

Daniel Regli: Gut war, dass falsche Autoritäten hinterfragt und bekämpft wurden. Zum Beispiel in der Frauenbewegung. Das war an der Zeit. Die Männer des Westens verloren ihre Macht, mit Scheinautorität ein Regiment aufrecht zu erhalten. Doch hat der Feminismus dann leider weit über das Ziel hinausgeschossen. Statt Partnerschaft zu leben, haben viele Frauen männliche Ansprüche und männliche Rollen übernommen. Das ist natürlich ebenfalls kein Schlüssel zu einer gelingenden Beziehung. Das 68er-Ideal ist nicht zu Ende gedacht. Es ist ein Trugbild. Sartre sagte, der andere Mensch sei die Hölle. Sein Idealbild war, dass jeder für sich alleine ist. Das ist kein Gesellschaftsentwurf. Das ist pure Ego-Ethik und führt in die Einsamkeit.

Zukunft CH: Und damit nicht in die Freiheit?

Die Forderung, dass alle tun und lassen können, was sie wollen, führt nicht in die Freiheit. Als der italienische Politiker Buttiglione oder der schwedische Geistliche Ake Green ihre Meinung zum Thema Homosexualität in einer „freien“ Welt frei sagten, wurden sie geächtet. Es sollte doch Freiheit werden, nun hat man sie nicht.

Zukunft CH: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führten Daniel Gerber von livenet.ch. und Beatrice Gall von Zukunft CH

Zur Person Daniel Regli:
Dr. phil I., Historiker und freier Publizist, präsidiert dem Quartierverein in Zürich-Affoltern, ist Mitglied der reformierten Kirche und engagiert sich im Gebet für eine erneuerte Schweiz. Er ist verheiratet und Vater von drei Kindern.

Zum Buch: Die 68er-Falle
Daniel Regli diagnostiziert: Zerfall von Ehen und Familien, vereinsamte Kinder, wachsende Arbeitslosigkeit und explodierende Sozialkosten. Verantwortlich macht er die Politik der 68er-Bewegung. Im Jahr 1968 sei die Saat der linken Elite in eine breite Bewegung übergegangen. Als neulinke Ideologen nennt der Autor die Denker Jean-Paul Sartre, Max Horkheimer, Theodor Adorno und Herbert Marcuse. Sie hätten das Gedankengut von Marx und Freud zur Revolution werden lassen, unterstützt durch die Arbeit von Hermann Hesse, der Frauenideologin Simone de Beauvoir und dem Schweizer Psychologen Carl Gustav Jung. In kurzer Zeit errichtete die neulinke Politik eine egoistische, antiautoritäre
Anspruchsgesellschaft. Familie und Autorität seien Stück für Stück zerlegt worden. Der Sozialstaat sei inzwischen mit 250 Milliarden Schweizer Franken verschuldet. Die nachfolgenden Generationen werden kleiner und die AHV ist gefährdet. Mit Blick auf die christliche und bürgerliche Vergangenheit der Schweiz fordert Regli zum Ausbruch aus der „68er-Falle“ und zur Neuordnung von Familie, Gesellschaft und Staat auf.

Erschienen und zu beziehen bei artesio, 157 S., Fr. 20.00

http://www.artesio.ch/4537/index.html

Interview mit dem Historiker Daniel Regli