Türkei: „Diese Plakate machen mich krank“

Von den Christen in der Türkei, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch um die zwölf Millionen, haben nur knapp 100’000 Ausrottungen und Vertreibungen überlebt. Der Regierung von Ankara müssen sie als Werkzeuge ihrer Propaganda dienen – für islamische Fanatiker sind es aber immer noch viel zu viele. Sie haben eine Hass-Kampagne mit Plakaten gestartet.

Von Heinz Gstrein

Seit die Truppen von Machthaber Recep Tayyip Erdogan am 9. Oktober 2019 in Syrien eingefallen sind, müssen Christen und Juden diese Invasion segnen. Den Anfang hatte ausgerechnet der armenische Erzbischof Sahak Masalyan in Istanbul zu machen: „Wir beten für die Operation Friedensquelle, welche die Bekämpfung von Terroristen und die Sicherung der Grenzen zum Ziel hat.“ Obwohl es sich bei der heutigen Kampfzone um genau jene Gegend handelt, die im Ersten Weltkrieg Schauplatz des Genozids an den Armeniern und anderen Christen war. Die jetzt umkämpfte Stadt Ras al-Ain diente 1916 als „Sterbelager“ für Überlebende der armenischen Todesmärsche aus der Ost- und Zentraltürkei. Sie fielen dem Typhus zum Opfer oder mussten kläglich verhungern: „In Ras al-Ain war immer rasch Platz für neue Transporte. Wer nicht einfach wegstarb, den haben Türkensäbel ins Jenseits befördert“, schrieb der deutsche Diplomat Wilhelm Litten.

Zum Gebet für Erfolg der türkischen Waffen beim laufenden Einmarsch in Syrien sind inzwischen auch andere Nicht-Muslime genötigt worden. In einer Videobotschaft betet der syrisch-orthodoxe Patriarchalvikar in Istanbul, Yusuf Cetin, für „Erfolg und Wohlbefinden der türkischen Soldaten“. Der Istanbuler Oberrabbiner Ishak Haleva musste vor dem Bild von Atatürk das „heilige Unterfangen der türkischen Truppen“ loben. Am Sonntag, den 20. Oktober, hatten sich dann an die drei Dutzend Angehörige aller christlichen Minderheiten der Türkei im Kloster Deyr uz-Zafaran in unmittelbarer Nähe der Front „im Gebet zur Unterstützung der türkischen Militäroperation in Syrien“ zu versammeln.

 

Erzwungenes Gebet zum Propaganda-Missbrauch

Ankaras Auslandspropaganda stellt diese sichtlich erpressten Aussagen inzwischen als Beweis für den Rückhalt der militärischen Operation bei den türkischen Kirchen – und Juden – hin. So behauptete am 23.10.2019 der Diplomat Ümit Yardim: „Die Oberhäupter der christlichen Kirchen und jüdischen Gemeinden haben für den Erfolg der Soldaten im Einsatz gebetet.“

Innerhalb der Türkei wird den Christen und Juden diese nach aussen verkündete Linientreue aber nicht gedankt: Eine Plakatwelle zu ihrer Diffamierung ist angelaufen. Den Anfang machten ausgerechnet in der alten Paulus-Stadt Konya (Ikonium Apg 14,1–7) Plakate auf öffentlichen Werbeflächen. Sie warnen davor, christlichen und jüdischen Landsleuten zu trauen oder sich gar mit ihnen anzufreunden. Eine Empfehlung, die übrigens aus dem Koran, Sure 5,51 stammt. Unterstrichen wird dies eindringlich und bildlich durch ein bluttriefendes Kreuz und ebensolcher Judenstern.

Plakate mit blutrünstigem Kreuz und Davidstern

Als Initiatoren der Hass-Kampagne signieren am unteren Rand der Plakate die Kürzel AGD und MGV. Diese stehen für „Anadolu Genclik Dernegi“ (Anatolischer Jugend-Verein) und „Milli Genclik Vakfi“ (Jugend-Nationalstiftung). Beide Organisationen gehören zum Umfeld der radikalen politislamischen „Saadet Partisi“ (Glückseligkeitspartei). Sie machen sich schon seit Jahren für die Rückwandlung der Museumskirche Hagia Sofia zur Moschee wie in osmanischer Zeit und die Ächtung christlich-westlicher Weihnachtsbräuche stark. Nikolaus und Christbaum haben als säkulare Festsymbole in die von Atatürk europäisierte Türkei Eingang gefunden und erfreuen sich breiter Beliebtheit.

Der Auftakt zur Hetze gegen Christen und Juden ausgerechnet in Konya dürfte dort mit starker Ausbreitung der evangelikalen „Konya Protestan Kilisesi“ zusammenhängen. Doch in einigen Medien der Türkei und fast allen sozialen Netzwerken werden die christen- und judenfeindlichen Plakatierer scharf verurteilt. Nachdem die armenische Wochenzeitung „Agos“ (Furche) die zunächst in Presse und Rundfunk unterschlagene Aktion aufgedeckt hatte, sprach das oppositionelle Boulevardblatt „Korkuzus“ (Unerschrocken) von „Skandalplakaten“. Diese verschwanden darauf in Konya, sind aber schon in Gemlik beim westtürkischen Bursa weiter aufgetaucht. Dort sogar mit der staatlichen Religionsbehörde „Diyanet“ im Impressum. Das berichtet das Portal zur Beobachtung der Religionsfreiheit „Avlaremaz“ (Auf der Jagd). Und eine gebildete muslimische Türkin aus Bursa twittert im Internet: „Blutrünstiges Kreuz und Davidsstern lassen mein Herz bluten. Diese Plakate machen mich traurig, machen mich krank“.

2019-11-04T10:51:33+00:00 04.11.2019|