Im Konflikt im Nahen Osten werde die religiöse Identität immer wichtiger, sagte der renommierte amerikanische Syrienexperte Joshua Landis kürzlich bei einem CSI-Vortrag in Boston. Eine riesige Anzahl Menschen müsse ihr Zuhause verlassen und bei Machthabern ihrer Religion Zuflucht suchen.
„Im Rebellen-Gebiet in Syrien gibt es keine religiösen Minderheiten mehr?, sagte Joshua Landis am Boston College. Landis, Direktor des Center for Middle East Studies an der University of Oklahoma, sprach an einem Anlass von Christian Solidarity International (CSI) in Boston (USA) zum Thema „Der Islamische Staat, die Christen und nationale Identität im Nahen Osten?. „Die Christen glauben, dass mit einem Sieg der Rebellen ihr Ende gekommen wäre. Die Alawiten glauben, dass sie bei einem Sieg der Rebellen ins Meer getrieben würden – und das könnte durchaus passieren.“

Joshua Landis ist einer der führenden amerikanischen Syrien-Experten. Er sprach von einem „grossen Aussortieren?, das derzeit im Nahen Osten vor sich gehe. Weil die religiöse Identität im Konflikt immer wichtiger werde, sei eine riesige Anzahl Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen und Schutz bei Regierungen und Rebellengruppen der eigenen Religion zu suchen. Landis verwies auf die Vernichtung der jüdischen Gemeinschaften in der arabischen Welt in den 1950er-Jahren. Diese hatte ebenfalls eine Massenflucht – damals nach Israel – in Gang gesetzt.

Das gegenwärtige „Aussortieren? sei zwangsläufig „lang und blutig?. Verschärft werde dieser Prozess durch die Bereitschaft von Mächten wie Russland und den USA, die entstehenden religiösen Blöcke im Nahen Osten in einem Stellvertreterkrieg für ihre eigenen Interessen auszunutzen. Russland unterstütze in Syrien derzeit eine schiitisch geführte Regierung, die einen sunnitischen Aufstand zu unterdrücken suche. Die USA verfolgten im benachbarten Irak dieselbe Strategie, sagte Landis. Es werde „auf die Sunniten eingeprügelt?.

Religiöse Minderheiten, die über keine eigene Regierung oder Streitkraft im Nahen Osten verfügen – wie zum Beispiel Mandäer, Jesiden und Christen –, hätten in diesem „grossen Aussortieren? keineChance. Wenn die Regierungen fallen, die ihnen einst Schutz boten, bleibe ihnen nur die Flucht oder Verfolgung und Tod. Im Irak, der gewaltsam in schiitische, sunnitische und kurdische Blöcke zerteilt wurde, seien seit Beginn des Krieges (2003) über eine Million Christen geflohen. In Syrien hingegen würden die Christen vom Regime von Präsident Baschar al-Assad, der selber einer Minderheit angehöre, geschützt.

Als Beispiel, wie stark die religiösen Identifikationen und Spannungen in der Region sind, verwies Landis auf die Schulbücher, die im staatlich verordneten Religionsunterricht verwendet wurden: „Im Islam gibt es für Heiden nur zwei Optionen: zum Islam konvertieren oder getötet werden?, lernten syrische Kinder über Jahrzehnte. In ähnlichen Worten spreche der Islamische Staat in seinen Publikationen über seine Pläne für eine andere religiöse Minderheit in Syrien: die Drusen.

„Die Zukunft der Syrer ist sehr düster?, sagte Landis abschliessend. „Der Krieg wird noch für lange Zeit andauern.? Der Druck auf Christen und andere religiöse Minderheiten werde weiterhin zunehmen.

Das Referat von Prof. Joshua Landis am 7. April in Boston war Teil der CSI-Vortragsreihe zur Zukunft der religiösen Minderheiten im Nahen Osten. Weitere Anlässe in Zürich

Mittwoch, 4. Mai, Daniel Williams, Journalist, präsentiert sein neues Buch „Forsaken. The Persecution of Christians in Today’s Middle East?

Dienstag, 14. Juni, Dr. Mariz Tadros, „Egypt’s Post-Arab Spring Transition: The Challenges of Social Pluralism?

Hotel Glockenhof, Sihlstrasse 31, 8001 Zürich, jeweils 18 Uhr.

Beide Vorträge werden simultan ins Deutsche übersetzt.