Neben Bundesrat Alain Berset findet auch der Tessiner Nationalrat Filippo Lombardi, dass Französisch unbedingt in der Primarschule eingeführt werden müsse. Und Nationalrat Matthias Aebischer betont bei jeder Gelegenheit, wie wichtig das frühe Lernen zweier Fremdsprachen sei. Die Politik will der Pädagogik ganz klar den Tarif durchgeben.
Nüchterner sehen dies namhafte Journalisten der grossen Sonntagszeitungen und der bekannte Berner Alt-Nationalrat Rudolf Strahm im Tages-Anzeiger. Wichtiger als eine Einheitslösung mit Frühfranzösisch ist diesen Kommentatoren das Resultat der sprachlichen Bemühungen. Was nützt es, sich in der Primarschule beim Sprachenlernen zu verzetteln und das Primarschulfranzösisch nur in homöopathischen Dosen symbolisch zu vermitteln?

Die Politik soll die Sprachenfrage den Kantonen überlassen. Warum sollen diese bei der ersten Fremdsprache nicht unterschiedliche Akzente setzen können? Bern tickt anders als Zürich, und das ist gar nicht schlecht. Falls Zürich mit Englisch einsteigt, muss es allerdings der französischen Sprache auf der Oberstufe klar den Vorrang geben.

Mit einer vielbeachteten Studie hat die Zürcher Uni-Professorin Simone Pfenninger belegt, dass das Alter beim Beginn des Fremdsprachenunterrichts stark überschätzt wird. So stellte sich heraus, dass Gymnasiasten, die erst mit 13 Englisch lernten, die Frühlernenden, die ab 8 Jahren Englischunterricht hatten, nach sechs Monaten bereits eingeholt hatten. Einige Späteinsteiger waren sogar noch besser. Pfenninger weist nach, dass frühe Fremdsprachen auch das Lernen der Muttersprache beeinträchtigen: „Die Frühlernenden waren in Deutschtests Anfang der Oberstufe signifikant schlechter als die Spätlernenden. Wer allgemeine Fähigkeiten wie Argumentieren, einen Text verstehen oder einen Aufsatz strukturieren in der Muttersprache gut beherrscht, überträgt diesen Vorteil auf die Fremdsprache.“

Die begründete Opposition gegen das untaugliche Sprachenkonzept der Volksschule hat in Bern keine Freude ausgelöst. Die von Bundesrat Berset angeführte scharfe Kampagne gegen die in mehreren Kantonen laufenden Initiativen für nur eine Fremdsprache in der Primarschule ist laut dem Bildungsminister aus Sorge um den«kulturellen Frieden» zwischen Deutschschweiz und Romandie entstanden. Doch ist dies die ganze Wahrheit? Vielleicht geht es dabei aber noch um etwas anderes, wie ein Karikaturist in der «Ostschweiz am Sonntag» es pointiert formuliert hat: „L’Etat c’est moi! Die Kantone können mir mal“.

http://lehrplan-vors-volk.ch/data/documents/Newsletter-160716.pdf