Mit Marxscher Blindheit geschlagen

Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. Noch heute trübt der radikale Materialismus des deutschen Philosophen unseren Blick für die Würde jedes menschlichen Lebens. Sind wir alle Marxisten, ohne es zu wissen? Und welchen Preis bezahlen wir dafür?

Von Dominik Lusser

Die Theorien des vor 200 Jahren geborenen Karl Marx (5. Mai 1818 – 14. März 1883) scheinen mit dem Ende der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa aus der Mode gekommen zu sein. Dem widersprach allerdings kürzlich der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann in einer NZZ-Kolumne. Einige zentrale Thesen der Philosophie von Marx hätten sich mittlerweile flächendeckend im allgemeinen Bewusstsein durchgesetzt: „Im Grunde unseres Herzens sind wir alle Kryptomarxisten.“

So sind viele unserer Zeitgenossen überzeugt davon, dass die materiellen Grundlagen (Ökonomie und technische Innovation) unsere Gesellschaft und unser ganzes Leben ursächlich bestimmen: „Unternehmensideologie und Marktlogik durchdringen alle Lebensbereiche, die ökonomische Basis bestimmt den geistigen und emotionalen Überbau. Das ist Marxscher Materialismus, dem wir munter und fröhlich huldigen, Tag für Tag.“ Jeder, der davon spricht, dass die Digitalisierung all unsere herkömmlichen Vorstellungen von Arbeit und Recht, von Staat und Gesellschaft, von Liebe und Lust aufsprengen wird, denkt laut Liessmann wie ein Marxist. „Er weiss es nicht, aber er tut es.“

Alltagsmaterialismus

Die philosophischen Idealisten, gegen die Marx zu Felde gezogen war, sind Liessmann zufolge ausgestorben: „Milieutheoretiker, Hirnforscher und Genetiker erklären uns, wie abhängig unser Denken und Fühlen von der Materie ist. Auch die Religion interpretieren wir letztlich wie Marx: als Opium des Volkes.“ Dass es den Gott der Gläubigen, wirklich geben sollte, sei für viele Zeitgenossen nahezu unvorstellbar.

Wie massgeblich der marxistische Materialismus das Denken in unserer Gesellschaft bestimmt, darauf hat schon der amerikanische Historiker und Oxford-Professor Larry Siedentop 2014 in seinem Buch „Inventing the Individual: The Origins of Western Liberalism“ hingewiesen: „Im 19. Jahrhundert gab es einen langwierigen Wettstreit zwischen der ‚idealistischen‘ und der ‚materialistischen‘ Auffassung von der historischen Veränderung, wobei nach Letzterer die Gesellschaftsordnung weniger auf gemeinsamen Überzeugungen beruht als vielmehr auf Technologie, wechselseitiger wirtschaftlicher Abhängigkeit und fortgeschrittener Arbeitsteilung.“

Siedentop zufolge macht uns diese Sichtweise blind für die geistigen Einflüsse, die die westliche Welt zur Wiege der Menschenrechte und der individuellen Freiheit gemacht haben: „Der Marxismus entwickelte (…) ein eigenartiges Nachleben, indem er das liberale Denken unterwanderte und eine weitere Versuchung darstellt, die Bedeutung von Überzeugungen geringzuschätzen.“ Die Versuchung war laut dem Oxford-Historiker umso grösser, als der Westen nach dem Zweiten Weltkrieg einen nie dagewesenen Wohlstand erlebte.

„Theologisch gegründete Weltlichkeit“

Siedentop hingegen zeigt, wie unter dem prägenden Einfluss des Christentums das „Individuum“ über die Jahrhunderte nach und nach zur organisatorischen sozialen Rolle im Westen wurde – das heisst, wie die „Zivilgesellschaft“ entstand, die wir heute für selbstverständlich halten: „wie diese ihre charakteristische Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre vornahm und die Bedeutung von Gewissen und Entscheidung stärker in den Mittelpunkt rückte. Es ist die Geschichte über die langsamen, stolpernden und schwierigen Schritte, die zu einer individuellen moralischen Handlungsmacht führten. Diese wurde öffentlich anerkannt und durch den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz und einklagbare Grundrechte geschützt.“ Für den amerikanischen Historiker ist es alles andere als ein Zufall, dass sich „der liberale Säkularismus im christlichen Westen entwickelte“.

Die Entwicklung, die Siedentop beschreibt, ist Ausdruck jener „theologisch gegründeten Weltlichkeit“, die der Philosoph Josef Pieper in den 1950er-Jahren als Wesenskern des christlichen Abendlandes bezeichnet hat. Das Christentum hat mit seiner geglaubten und gelebten Unterscheidung von Schöpfungs- und Heilsordnung den Boden bereitet für die Daseinsberechtigung eines weltlichen Bereichs, welcher der Antike fremd war, und den es in streng islamisch geprägten Ländern heute noch nicht gibt: Zur Schöpfungsordnung gehören die Würde des Menschen als Person, die Gesetze der Natur (Wissenschaft), der Staat und das Recht, die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Kultur. Diese säkulare Welt wird am Anfang der Bibel als „sehr gut“ (Genesis 1,31) bejaht. Die Welt und das menschliche Leben besitzen also bereits vor der religiösen Offenbarung ihre – theologisch gegründete – eigene Würde und relative Autonomie: Der Schweizer Theologe Martin Grichting hat diesen Begründungszusammenhang in der scheinbar paradoxen Formel beschrieben: „Säkularität ist ein religiöses Konzept, das sich dem jüdisch-christlichen Verständnis der Welt verdankt.“

Materialistische Verblendung

Die heute dominierenden marxistisch-materialistischen Denkmuster machen uns nicht nur blind für den religiösen Ursprung von Werten wie die Personenwürde und die individuelle Freiheit, welche die christlich-abendländische Anthropologie letztlich auf die Schöpfung des Menschen nach Gottes Ebenbild (Genesis 1,27) zurückführt. Die materialistische Verblendung immunisiert nicht zuletzt auch die marxistische Theorie selbst gegen jede Kritik. Die Theorie des historischen und dialektischen Materialismus beschreibt nämlich nicht, wie Marx behauptete, einen notwendigen Prozess der Anpassung des Bewusstseins an veränderte materielle Verhältnisse. Vielmehr ist sie der wohl radikalste Gegenentwurf zur „theologisch gegründeten Weltlichkeit“, der je ausgedacht wurde.

Ist der Mensch nur ein Produkt seiner materiellen Lebensverhältnisse, ist er, indem er diese Verhältnisse selbst in die Hand nimmt und verändert, sein eigener Schöpfer. Im Marxismus erklärt sich der Mensch (bzw. der Staat) somit selbst zu Gott: „Sich den Menschen auf diese Weise gottgleich als Ausgangs- und Endpunkt der Gesellschaftskritik vorzustellen, hiess ‚radikal‘ sein.“ So beschreibt die Historikerin Christiana Morina den „Kern des Selbstverständnisses marxistischer Intellektueller“ (Die Erfindung des Marxismus, 2017).

Die Auswirkungen dieses „gottgleichen“ menschlichen Denkens und Handeln ziehen sich seit der Russischen Oktoberrevolution von 1917 wie eine Blutspur durch die Geschichte. Das radikal materialistisch-atheistische Welt- und Menschenbild der Marxisten hat in den kommunistischen Diktaturen Osteuropas Millionen Todesopfer gefordert, darunter auch viele Christen, die wegen ihres Glaubens brutal verfolgt wurden. Beschuldigt, dem „Opium“ der Jenseitsvertröstung zu erliegen, wurden sie der Utopie eines innerweltlichen Paradieses geopfert.

Säkularisierter Messianismus

Indem Marx die Welt von der Transzendenz loslöste, hob er auch die Säkularität Ersterer auf. Die Heilssehnsucht des Menschen äussert sich seither in immer neuen politischen Religionen, die eine „bessere“ Welt und einen „neuen“ Menschen versprechen, und dafür sogar über Leichen gehen.

Die von Radikalfeministinnen ab den 1960er-Jahren lautstark geforderte legale Tötung ungeborener Kinder sollte der Frau den Weg zu einem freien, selbstbestimmten Leben ebnen. Doch Abreibung ist nicht eine Errungenschaft einer liberalen freien Gesellschaft, sondern fester „Bestandteil der kommunistischen geistigen Transformation der Gesellschaft“ (Vladímir Palko). Die Tötung Ungeborener, die Leo Trotzki 1938 als Teil des „ABC des Kommunismus“ bezeichnete, wurde im ersten westeuropäischen Land (Frankreich) erst 1975 legalisiert. Die explizite Verankerung des Lebensschutzes ab der Empfängnis in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 war zuvor am Widerstand kommunistischer Länder gescheitert.

Dass uns diese Zusammenhänge erstaunen, zeigt die Anfälligkeit des zunehmend materialistisch denkenden westlichen Liberalismus für das marxistische Gedankengut. Gemeinsam ist beiden die Missachtung des Vorrangs der Person. Auch vor dieser macht die totale Verwertung aller Ressourcen für den kollektiven oder individuellen Profit nicht Halt.

Stimmig hat die Philosophin Regula Stämpfli die marxistisch inspirierte Gender-Ideologie als „totalitären Überbau für den Neoliberalismus“ bezeichnet: „Alles ist ‚fluide‘ und ‚frei‘: an erster Stelle natürlich die Kaufkraft. Zuerst war das Kapital ‚frei‘, dann die Waren, dann die Dienstleistungen und nun sind eben die Personen dran. Eine bessere Ideologie als ‚Gender‘ konnte dem Neoliberalismus gar nicht passieren. So werden aus Menschen neu zu beschriftende lebendige Münzen.“ Und so werde sogar die Leihmutterschaft als „respektables Unterfangen“ gefordert.

Auch der Ausverkauf der Familie, der heute euphemistisch als „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ angepriesen wird, gehört zu den Entwicklungen, die das menschliche Leben zunehmend der zweckrationalen Logik des Marktes (bzw. der Planwirtschaft) unterwerfen.

Schliesslich kann auch der stetig an Einfluss gewinnende Transhumanismus mit Fug und Recht als ein geistiges Kind des Marxschen Materialismus bezeichnet werden. Wäre nicht die Schaffung eines technisch „optimierten“, von all seinen menschlichen Bedingtheiten (z.B. Geschlecht, stabile Bindung, Familie, Kultur) emanzipierten posthumanen Wesens die Erfüllung der Marxschen Utopie eines völlig „freien“ Menschen?

Der Geist, der stets verneint

Die christliche „Zustimmung zur Welt“ (Josef Pieper) ist in ihrer Hoffnung auf ein gottgeschenktes Heil im Stande, auch die Schattenseiten der menschlichen Existenz auszuhalten. Die Polit-Religionen Marxscher Prägung wurzeln hingegen im gnostischen Willen, die Ordnung der Natur durch Selbsterlösung zu überwinden.

Dazu ist ausdrücklich festzuhalten, dass nicht erst Lenin und Stalin durch ihre vermurkste Praxis die marxistische Theorie ruiniert haben. Darauf hat die Passauer Politologin Barbara Zehnpfennig 2009 in einem bemerkenswerten Aufsatz hingewiesen. Marx selbst bezeichnet in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1848) die erste Etappe auf dem Weg zum Arbeiterparadies als den „rohen Kommunismus“: In dieser Phase, über die freilich nie ein Umsetzungsversuch je hinausgekommen ist, herrschen „Neid und Nivellierungssucht“. Die „Persönlichkeit“ des Menschen wird „überall negiert“, und was nicht von allen besessen werden kann, wird zerstört. Die Frau wird in dieser Phase von der Einzelehe in die „allgemeine Prostitution“ der „Weibergemeinschaft“ überführt.

Wo immer die marxistische Ideologie in die Praxis umgesetzt wurde, zeigte sie sich einerseits als „Theorie der Befreiung“, gleichzeitig aber auch als „Herrschaftsform der Unterdrückung“ (Timothy Garton Ash). Karl Marx, so schrieb 1977 der französisch-jüdische Philosoph Bernard-Henri Lévy, sei „der Machiavelli dieses Jahrhunderts“ und sein System „ein Opium des Volkes“. Wenn auch oft nur unterschwellig, ist unser Denken und Handeln noch immer von jenem Mann geprägt, dem schon seine Mitstudenten den Spitznamen „Der Vernichter“ gaben, da seine Aufsätze und Reden sich immer wieder um das Zerstören, Ausmerzen, Ausrotten und Vernichten drehten.

Theologisch gegründeter Humanismus

Welche wirkmächtige Einsicht aber braucht es, um den marxistischen „Verblendungszusammenhang“ (Theodor W. Adorno) unserer Gesellschaft endlich zu durchbrechen: Papst Johannes Paul II. hat 1991 in seiner Sozialenzyklika „Centesimus Annus“ die „vom Atheismus hervorgerufene geistige Leere“ als „wahre Ursache“ für den „Zusammenbruch des Marxismus“ bezeichnet. Diese habe „die jungen Generationen ohne Orientierung gelassen“ (CA 24). Auch die in den „westlichen Gesellschaften“ zu beobachtende „Entfremdung“ habe, so der polnische Papst, letztlich theologische Ursachen. Werde die „dem Menschen wesenseigene ‚Fähigkeit zur Transzendenz‘“ ausgeblendet, drohe eine „Umkehrung von Mitteln und Zielen“: Die Menschen benutzen sich „gegenseitig als Werkzeuge“ zur „immer raffinierteren Befriedigung ihrer Sonder- und Sekundärbedürfnisse“ und werden so unfähig zur „freien Selbsthingabe“. (CA 41)

Bereits 1981 hatte der Philosophenpapst, der den Kommunismus nicht nur in der Theorie kannte, in „Laborem Exercens“ den marxistischen Kollektivismus scharf kritisiert. Dieser sei nicht in der Lage, den „Vorrang des Menschen vor dem Instrument ‚Kapital‘“ zu verwirklichen und dem „Vorrang der Person vor der Sache eine angemessene und unwiderlegbare Begründung und Stütze“ zu geben. Denn nicht nur im kapitalistischen Ökonomismus, auch im marxistischen „dialektischen Materialismus“ sei der Mensch „nicht in erster Linie Subjekt der Arbeit“, sondern „eine Art ‚Ergebnis‘ der die betreffende Zeit prägenden Wirtschafts- und Produktionsverhältnisse“.

Noch der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant (1724-1804) hatte als moralischen Imperativ festgehalten: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.“ Wie die Entwicklung seit Kant zeigt, ist diese moralische Forderung im Rahmen eines materialistischen Weltverständnisses weder einsichtig zu machen noch in der Praxis durchzuhalten.

Eine Frage des Überlebens

Bezugnehmend auf Piepers Formel von der „theologisch gegründeten Weltlichkeit“, hat der französische Philosoph Rémi Brague 2009 konstatiert: „Der Glaube ist kein Überbau, sondern der unverzichtbare Unterbau des menschlichen Lebens.“ Die christlich-europäische Art und Weise, die Weltlichkeit theologisch zu gründen, sei keine willkürliche Sonderbarkeit, die den Menschen des Mittelalters eingefallen wäre, sondern geradezu eine Notwendigkeit.

Angesichts des technisch-materiellen Fortschritts, der dem Menschen die Möglichkeit in die Hände gespielt hat, sich sogar selbst zu zerstören, könne die Menschheit ihren Fortbestand nicht mehr einfach der Natur und dem Instinkt überlassen. „Heute muss sich die menschliche Freiheit das aufbürden, was die Natur einst besorgte.“ Für diese Aufgabe aber bedürfe es einer starken Metaphysik des Guten: „Man muss davon felsenfest überzeugt sein, dass das Dasein des Menschen, auch der Ungeborenen auf dieser Erde, letztlich ein Gutes ist, dass das Sein und das Gute übereinkommen, ens et bonum convertuntur.“

Der Abschied vom Marxschen Materialismus ist somit für die westliche Welt zur Überlebensfrage geworden.

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2018-05-22T17:53:07+00:00 04.05.2018|