Die Deutschen müssen sich für verfolgte Christen einsetzen. Das hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am vergangenen Freitag (11.06.2010) vor dem Evangelischen Arbeitskreis (EAK) der CDU/CSU gefordert. Unter den 450 Gästen der Bundestagung zum Thema „Verfolgung und Diskriminierung von Christen im 21. Jahrhundert“ war politische Prominenz wie CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe.
„Wir haben kein Recht dazu, uns nicht um die Würde des Anderen zu kümmern, nur weil unsere eigene Würde geschützt ist“, sagte Merkel am Freitag in Berlin. Das Thema Religionsfreiheit müsse über den EAK hinaus Beachtung finden, auch in den Zielen der christlich-liberalen Bundesregierung. „Wer die Menschenrechte bestreitet, hat nicht das Wohl aller im Sinn“, sagte die Kanzlerin und bezog das auf die deutsche Vergangenheit: Auch zu Zeiten der DDR-Diktatur sei es „unendlich wichtig“ gewesen, dass sich Deutsche für Verfolgte des Regimes eingesetzt hätten. „Weil wir das Glück der deutschen Einheit hatten, müssen wir Verfolgten eine Stimme geben und auf sie aufmerksam werden.“

Neben Merkel und Gröhe waren auch Prälat Bernhard Felmberg, der Auslandsbischof der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Martin Schindehütte, und der Religionssoziologe Thomas Schirrmacher zur Veranstaltung in die CDU-Parteizentrale gekommen. In einem Vortrag erläuterte Schirrmacher, warum gerade Christen die meistverfolgte Minderheit der Welt sind. Sie seien nicht nur die grösste Weltreligion und damit schon der reinen Zahlen wegen am häufigsten von Unterdrückung betroffen, sondern auch eine stark wachsende Gruppe, insbesondere in Ländern ohne Religionsfreiheit wie China. So sei es fast selbstverständlich, dass ein Inder ein Hindu und ein Türke ein Moslem zu sein habe. Christen seien eine „unerwünschte Stimme für Menschenrechte und Demokratie“, gegen die gerade repressive Herrscher vorzugehen suchten. 90 Prozent der Demokratien seien christlich geprägt. Und noch etwas bringe gerade Diktatoren und gewalttätige Gruppierungen dazu, gegen das Christentum vorzugehen: „Die Menschen wissen, dass Christen nicht zurückschiessen“, sagte Schirrmacher.

Zwei Drittel der Menschheit lebten nicht in Religionsfreiheit, erklärte er weiter. In Ländern wie der Türkei sei die Vertreibung von Christen „ohne jede Parallele“. „Es gehen nur die nicht weg, die nicht anders können“, sagte Schirrmacher. In Pakistan sei die Situation noch dramatischer. Abtrünnige des Islam lebten dort gefährlich: „Die Frage ist nur, wer tötet sie am Ende? Der Mob oder der Staat?“ Angesichts der schwierigen Lage schürte Schirrmacher jedoch auch eine Spur Optimismus: Niemals sei das Interesse am Thema derart gross gewesen wie heute. Es sei nicht nur in die Berichterstattung der grossen deutschen Medien vorgedrungen, sondern habe es auch auf die politische Agenda geschafft. Dazu trug am Freitag auch der EAK bei. Er legte eine Resolution zur Verfolgung von Christen vor. Darin fordern die Christdemokraten etwa mehr Religionsfreiheit in der Türkei und im Irak.

Einen Einblick in die Lebenssituation türkischer Christen gab der Baptistenpastor Ertan Cevik in einer Gesprächsrunde mit dem EKD-Auslandsbischof Martin Schindehütte und Hermann Gröhe. Seine Gemeinde zählt 32 Mitglieder und ist die erste ihrer Art in der Türkei. Für Cevik sind Drohungen wegen seines Glaubens alltäglich. Immer wieder ist seine Gemeinde in Izmir Ziel islamistischer Anschläge. Er selbst erhält Polizeischutz. Sein Name wird auf einer Todesliste einer islamistischen Organisation geführt. Cevik ist das Kind türkischer Gastarbeiter in Deutschland. Nach seiner theologischen Ausbildung entschied er sich ganz bewusst dazu, in die Türkei zurückzukehren, „um das Evangelium dorthin zurückzubringen“, wie er sagte. Christliche Aktionen und Treffen würden von der türkischen Bevölkerung oft als „gefährlich und illegal“ wahrgenommen. Christen hätten einen schweren Stand: In Schulbüchern würden sie noch immer schlecht dargestellt, ebenso wie in den Medien. „Es nützt nichts, nur die Gesetze zu überarbeiten, die Denkweisen müssen sich ändern“, sagte Cevik.

Cevik nutzte die Debatte zu einem Aufruf: “Christen, kommt in die Türkei.” Jeder offizielle Besuch und jedes öffentliche Einstehen für Religionswechsel in der Türkei werde von den Politikern seines Heimatlandes wahrgenommen. So habe sich die Lage der Christen bereits enorm verbessert, seit über den EU-Beitritt der Türkei diskutiert werde und dem Thema Menschenrechte deshalb mehr Aufmerksamkeit zukomme. Türkeiurlauber aus Deutschland sollten nicht nur „in der Sonne liegen“, sondern die christlichen Gemeinden besuchen, um sich mit dem Leben der Christen dort, aber auch mit der türkischen Kultur auseinanderzusetzen. Christen sollten eines nicht vergessen, so Cevik: „Wir sind verpflichtet, die Hoffnung, die wir im Glauben haben, weiterzugeben.” (Quelle: Medienmagazin pro)

Medienmitteilung Bonner Querschnitte (BQ)