Der in seiner Heimat so gut wie unbekannte Schweizer Religionsphilosoph Martin Rhonheimer hat bei einer Dialogveranstaltung in Wien auf die zwei Hauptgefahren dieser Stunde für das Christentum in Europa hingewiesen: Auf die gängige Fehleinschätzung des Islams als einer Ideologie, die demokratisiert und „europäisiert“ werden könne; und auf eine Säkularisierung, die unter dem Vorwand von Neutralität in religösen Dingen einem immer extremeren antireligiösen Laizismus im Sinne einer „Tendenz gegen Religion“ huldigt.
Das Christentum hat im Gegensatz zum Islam als Fundament kein eigenes Rechtssystem und keine eigene Staatsform. Weil das frühe Christentum eine neutrale Position zum Staat hatte, blieb es offen für eine Vermischung mit Vorgefundenem und übernahm schließlich das römisch-konstantinische Modell. Rhonheimer sieht beim Islam hingegen eine unüberbrückbare Problematik, wenn es um die Akzeptanz demokratischer Systeme geht. Denn der Islam müsste „für die Anerkennung des säkularen Staates und der westlichen Demokratie wesentliche Elemente seiner theologischen Substanz aufgeben“, sagte der 1950 in Zürich geborene Rhonheimer, der heute in Rom lehrt. „Die Gründungsidee des Islam ist unvereinbar mit dem säkularen Verfassungsstaat.“ Wenn der Islam zu seinem Ursprung geht, kommt er zu den Rechtsvorschriften des Gottesstaates von Medina. Deshalb sind die theologischen Kräfte, die sich gegen die pluralistische Demokratie stellen, gewaltig.

Autoren, die eine Abspaltung der Medina-Elemente aus der islamischen Verkündigung anstrebten und einen mit der Moderne verträglichen „Euro-Islam“ zu verkündigen versuchten, müssten mit schärfster Ablehnung rechnen, sagte der Wissenschaftler. Demgegenüber biete das Christentum die Möglichkeit, „politisch modern und liberal, theologisch aber konservativ“ zu sein. Persönlich würde er sich selbst ebenfalls so einordnen, erklärte Rhonheimer.

Christen sollten die Laizität des Staates mittragen, sie müssten aber vor dem Extrem eines Laizismus im Sinne einer „Tendenz gegen Religion“ warnen, führte Rhonheimer aus. Grundsätzlich kämen heute die Angriffe auf Religion und religionsmotivierte Ethik nicht primär vom Staat, sondern von der „immer weniger christlichen“ Gesellschaft. Als Beispiel nannte der Römer Professor Aktivitäten von Homosexuellen-Lobbys und daraus entsprungenen überzogener Antidiskriminierungsrichtlinien, die über das normale Strafrecht hinausgehen. Ein ganz neues Phänomen diesbezüglich sei, dass „auch die Christen nicht mehr mit einer Stimme sprechen“.

Als „gewissen Anachronismus“ bezeichnete Rhonheimer politische Parteien, die sich als „christlich“ verstehen. Christen sollten sich vielmehr im Spektrum der Parteien dort engagieren, „wo sie sich von ihrem Gewissen her am besten einbringen können“.

Von Heinz Gstrein