In diesem Jahr ist Istanbul eine der Kulturhauptstädte Europas. Wer sich als Außenstehender ein Bild von dieser Stadt machen will, könnte das zum Beispiel mit Hilfe des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk tun. In seinem berühmten Buch „Istanbul“ beschreibt dieser seine Heimatstadt in hoher literarischer Qualität. Doch ist seine Sicht inhaltlich korrekt? Darüber hat Volker Niggewöhner mit dem Türkeiberater des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, Prof. Dr. Rudolf Grulich, gesprochen.
Kirche in Not (KIN): Herr Professor Grulich, welche Einblicke in die Wirklichkeit Istanbuls erlaubt Pamuks Werk?

GRULICH: Sein Buch „Istanbul“ trägt den Untertitel: „Erinnerungen an eine Stadt“. Rezensenten nannten es eine Liebeserklärung an seine Heimatstadt am Bosporus. Sie hoben hervor, dass Pamuk auch den Niedergang des einst kosmopolitischen Istanbul beklagte, und wiesen auf das Kapitel hin „Eroberung oder Fall? Die Türkisierung Konstantinopels“. Darin geht der Autor auf das Pogrom gegen Christen im September 1955 ein, als Pamuk drei Jahre alt war. Das heißt, dass er diese Übergriffe sicher nicht selbst erlebte. Er schrieb ja auch: „Da bei mir zu Hause noch Jahre später ausführlichst über diese Vorfälle gesprochen wurde, stehen sie mir noch lebendig vor Augen, als hätte ich sie damals selbst gesehen.“ Er erwähnt, dass sich der Mob „über Stadtviertel mit hohem griechischem Bevölkerungsanteil wie Ortaköy, Balikli, Samatya und Fener hermachte, er plünderte hier den Lebensmittelladen eines armen Griechen, zündete dort eine Molkerei an, überfiel Häuser, vergewaltigte griechische und armenische Frauen, und es darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass diese Leute nicht minder erbarmungslos vorgingen als seinerzeit die Konstantinopel plündernden Soldaten Sultan Mehmets.“ Zwei Tage lang wurde Istanbul für alle Nichtmuslime in eine Hölle verwandelt. Später kam heraus, dass staatliche Agitatoren dem Pöbel in Aussicht gestellt hatten, es dürfe „nach Herzenslust geplündert werden“. Das sind klare Aussagen, ähnlich wie in seinem Interview, als er von einer Million ermordeter Armenier 1915 und 30.000 toten Kurden in den letzten Jahren sprach. Vielleicht bin ich dem Autor gegenüber ungerecht oder zu kritisch, aber ich habe bei diesem Buch vermisst, dass außer in diesem Kapitel das alte Konstantinopel leider nur in einigen Nebensätzen auftaucht.

KIN: Können Sie dafür einige Beispiele nennen?

GRULICH: In einem Laden fällt ihm „eine alte Griechin“ auf, oder er schreibt über ein „Domino-Kaffeehaus, in dem seinerzeit vor allem Angehörige der griechischen, jüdischen und armenischen Minderheiten ihrem Lieblingsspiel frönten“. In den Passagen des Buches, in denen er liebevoll alte Reisebeschreibungen Konstantinopels vorstellt, berichtet er, wie der französische Schriftsteller Theophile Gautier 1852 noch bemerkte, „dass in den Straßen von Istanbul wild durcheinander Türkisch, Griechisch, Armenisch, Italienisch, Französisch und Englisch gesprochen wurde“. Pamuk bedauert, dass „der Staat in Istanbul eine Art ethnischer Säuberung praktizierte“ und diese Sprachen ausmerzte. Ich zitiere ihn: „Von der kulturellen Säuberung bleibt mir aus Kindertagen noch in Erinnerung, dass Leute, die auf der Straße laut griechisch oder armenisch sprachen (Kurden traten damals kaum in Erscheinung), barsch dazu angehalten wurden, sich gefälligst des Türkischen zu befleißigen. Es gab sogar öffentliche Schilder, auf denen stand: ‚Mitbürger, sprich Türkisch!‘ „ Gerade weil Pamuk zahlreiche alte Reiseberichte vorstellt und Autoren wie Nerval, Gautier, Twain und andere westliche Reisenden zitiert, vermisse ich bei ihm eine Auseinandersetzung mit dem alten christlichen Konstantinopel. Heute macht die Türkei für Istanbul Werbung mit der angeblichen Vielfalt der Stadt, mit dem Miteinander und Nebeneinander von Islam, Judentum und Christentum, aber in der Praxis gilt nur der Islam.

KIN: Gibt es in der heutigen 15-Millionenmetropole Istanbul überhaupt noch das alte Konstantinopel?

GRULICH: Ja, das gibt es noch. Auch mehr als 550 Jahre seit der Eroberung durch die Türken 1453 hat die alte Kaiser- und Sultansstadt noch 150 Kirchen, in denen Christen verschiedener Konfessionen und Nationen das Opfer Christi feiern. Millionen Touristen kommen Jahr für Jahr in die Stadt am Bosporus. Aber sie sehen, wie auch Orhan Pamuk, meist nur die einmalige Lage der Stadt auf zwei Kontinenten, ihren orientalischen Zauber zwischen Orient und Okzident und die vielen prächtigen Moscheen. Das alte Byzanz und das „Neues Rom“ genannte Konstantinopel erscheinen ihnen nur als Ruinen, Ausgrabungen oder Museen. Ein solches Museum ist die Hagia Sophia, einst die größte Kirche der Welt, und es gibt zahlreiche andere Sehenswürdigkeiten wie die Chorakirche.Das war leider auch schon vor hundert Jahren so, denn immer noch gilt, was der protestantische Theologe Heinrich Gelzer um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in seinem Buch „Geistliches und Weltliches aus dem türkischen Orient“ schrieb: „…neben der offiziellen Türkenwelt … existiert noch ein zweites, das christliche Konstantinopel, von dem der gewöhnliche Orientreisende wenig oder gar keine Notiz nimmt. Das Phanar, das Griechenquartier, oder Kum-Kapi, den Sitz der Armenier, betritt der Reisende gar nicht oder durcheilt sie flüchtig, und doch zeigt sich hier neben der offiziellen türkischen Welt eine altchristlich orientalische von kaum minderem Interesse und zweifellos größerer Zukunft.“ Wir wissen, dass sich Gelzer in seiner Prognose geirrt hat: Die Zukunft brachte wenige Jahre nach Gelzers Worten Tod und Verderben, Exodus und Ausweisung für Hunderttausende von christlichen Griechen und Armeniern während und nach dem Ersten Weltkrieg. Dass Pamuk diese Seite seiner Heimatstadt nie kennenlernte, ist schwer zu verstehen, weil er sich nach den Aussagen seines Buches viel mit der Geschichte beschäftigte.

KIN: Wie war das Zusammenleben und Miteinander der Religionen in früherer Zeit?

GRULICH: Nach meinem Baedeker-Reiseführer aus dem Jahr 1914 lebten in Konstantinopel neben fast 500.000 muslimischen Einwohnern, meistens Türken, aber auch Kurden, Tscherkessen, Pomaken und anderen islamischen Minderheiten noch über 200.000 Griechen, ebenso viele Armenier und 80.000 weitere Christen, darunter Bulgaren, Georgier und Lateiner. Nur knapp die Hälfte der Bevölkerung waren also Muslime. Während die Christen Kleinasiens den Massakern an den Armeniern und Assyrern seit 1915 und der Umsiedlung der Griechen nach dem kleinasiatischen Krieg zum Opfer fielen, durften nach dem Vertrag von Lausanne 1923 in Istanbul und auf den Prinzeninseln die Angehörigen der griechischen Minderheit bleiben, als Faustpfand für die türkische Minderheit im griechischen Ostthrazien, ebenso Armenier und Juden. Als Orhan Pamuk 1952 geboren wurde, hatte Istanbul nur eine Million Einwohner, unter denen damals noch 200.000 Christen waren, während es heute bei 14 Millionen Einwohnern weniger als 100.000 Christen gibt.

KIN: Aber diese Christen sind noch präsent, wie der Besuch von Papst Benedikt XVI. Ende November 2006 zeigte. Wir sahen beeindruckende Bilder von griechischen und katholischen Kirchen Istanbuls und eine Vielfalt an Riten und Sprachen bei der Papstmesse in der Heilig-Geist-Kathedrale … .

GRULICH: Ja, das Bild der Christenheit in Istanbul ist noch bunt und mannigfach, auch wenn die Zahl der Christen klein ist. Die Christen Istanbuls gehören den verschiedensten Glaubensrichtungen an. Von den alten orientalischen Gemeinschaften der ersten christlichen Jahrhunderte bis hin zu modernen Sekten und Freikirchen spiegeln sie die ganze Kirchengeschichte. An erster Stelle steht natürlich das griechisch-orthodoxe Ökumenische Patriarchat, sozusagen der Vatikan der Ostkirche. Neben dieser Kurie gibt es im alten Stadtgebiet Istanbuls noch ein griechisches Erzbistum Konstantinopel mit 37 Gemeinden, in denen in 42 Kirchen die byzantinische Liturgie gefeiert wird, manchmal allerdings nur an den hohen Feiertagen. Außerdem existieren noch griechische Gymnasien, Volksschulen, karitative Bruderschaften und kirchliche Vereine.
Wie klein diese Gemeinden heute sind, können Sie anhand der genannten Zahlen im Kopf ausrechnen. Manche der Kirchen sind weithin sichtbar, wie die Dreifaltigkeitskirche auf dem Taxim-Platz, die 1880 erbaut wurde. Andere griechische Kirchen sind oft schwer zu finden, denn kein Reiseführer erwähnt sie und nur einige wenige Kirchen sind auf den Stadtplänen eingezeichnet. Aber sie tragen immer noch Kreuze und ihre Glocken läuten. Manche dieser Kirche sind sogar griechische Wallfahrtskirchen, sie werden wegen ihrer Reliquien oder heiligen Quellen aufgesucht, auch von Nostalgietouristen aus Griechenland, die heute den Kindern die Stätten zeigen, woher Eltern und Großeltern stammen. Ein gebürtiger Istanbuler wie Pamuk müsste das eigentlich kennen.

KIN: Was gibt es in Istanbul noch an christlichen Bauwerken?

GRULICH: Jede Menge armenische Kirchen. Heute schätzt man die Zahl der Armenier in Istanbul noch auf etwa 60.000. Ihr Patriarch residiert im Stadtteil Kumkapi. Über das Stadtgebiet verstreut, auch nördlich des Goldenen Horns und am Bosporus, gibt es rund 35 armenische gregorianische Gotteshäuser sowie einige Schulen und karitative Einrichtungen. Dazu kommen zwölf Kirchen der katholischen mit Rom unierten Armenier, die in Istanbul einen Erzbischof haben, der im Stadtteil Beyoglu residiert.
Nicht zu übersehen sind auch einige der übrigen Kirchen Istanbuls. Am Goldenen Horn befindet sich die repräsentative bulgarische Kirche, in Galata erinnert eine Kirche an das Ende des Krimkrieges. In diesem Stadtteil gab es auch Kirchen einer Türkisch-Orthodoxen Kirche, die seit ihrer Gründung 1921 gegen das Ökumenische Patriarchat opponierte. Der katholische Apostolische Vikar des Lateinischen Ritus verfügt über zwölf Pfarreien, die zum Teil Nationalkirchen sind. Die deutschsprachigen Katholiken scharen sich um die österreichische Kirche St. Georg. Die Franzosen haben ihre Kirchen St. Benoit und St. Louis, die Italiener die des Hl. Antonius in Pera, wo die Gottesdienste am Sonntag auch spanisch, englisch, polnisch und türkisch gehalten werden. Sogar eine polnische Kirche U. L. Frau von Tschenstochau gibt es noch in Polonezköy (Polendorf), einer polnischen Gründung des 19. Jahrhunderts auf der asiatischen Seite von Istanbul.

KIN: Orhan Pamuk erwähnt auch Juden in Istanbul und ihre Sprache, die er das judäo-spanische Ladino nennt. Sind diese Juden noch präsent?

GRULICH: Ja, aber nur in kleiner Zahl. Es gibt in Istanbul noch über ein Dutzend Synagogen: In Galata und in Balat am Goldenen Horn, aber auch auf der asiatischen Seite der Stadt. Neben den Sepharden, die nach ihrer Vertreibung 1492 aus Spanien kamen, finden wir askenasische Juden, aber auch Karäer und die wenig bekannten Dönme, die erst 1923 aus Saloniki umgesiedelt wurden.

KIN: Verlangen Sie bei Ihrer Kritik an Orhan Pamuk als Deutscher und als Katholik nicht zu viel von einem türkischen und – wie er schreibt – bei allem Abstand zum Islam doch in islamischer Kultur aufgewachsenen Schriftsteller?

GRULICH: Sie haben völlig recht, aber Sie müssen meine Hinweise nicht als Kritik, sondern als Ergänzung sehen. Es liegt an uns, den Christen des Westens, das christliche Erbe des Neuen Roms, wie Konstantinopel einst genannt wurde, nicht zu vergessen. Wir können dazu beitragen, wie die Zukunft des Christentums in Istanbul und in der ganzen Türkei aussehen wird. Millionen von Touristen besuchen vor allem die Badeorte Kleinasiens an der West- und Südküste des Landes. Zehntausende von Bildungstouristen reisen auf den Spuren des Völkerapostels Paulus durch das Innere der Türkei und begeistern sich an Ruinen und Ausgrabungen. Aber wer interessiert sich für die noch existierenden Kirchen Istanbuls? Hier hätten wir das Programm der Kulturhauptstadt 2010 mit gestalten müssen. Warum gibt es keine geistlichen Konzerte europäischer Künstler in noch benutzten Kirchen? Warum keine Symposien und Tagungen zur gemeinsamen Geschichte der Stadt? Warum bieten auch christliche, ja sogar kirchliche katholische Pilgerbüros zwar eine Reise mit dem Titel „Mein Istanbul“ an, aber besuchen dabei keine der noch existierenden Kirchen, sondern nur die Museen der Hagia Sophia und der Chora-Kirche? Diese Fragen müssen wir beantworten und als Christen handeln.

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Prof. Dr. Rudolf Grulich ist Türkei-Berater des weltweiten katholischen Hilfswerks KIRCHE IN NOT und Verfasser zahlreicher Publikationen über das Christentum in der Türkei, wie zum Beispiel:

„Konstantinopel. Ein Reiseführer für Christen“, Gerhard-Hess-Verlag, Ulm
1998

„Christen unterm Halbmond. Von der Osmanischen Türkei
bis in die moderne Türkei“, St.-Ulrich-Verlag, Augsburg 2008

Interview des Hilfswerks „Kirche in Not“ mit dem Türkeikenner Prof. Dr. Rudolf Grulich