„Man muss nicht an Gott glauben, um ein ethischer Mensch zu sein“, stellt Jon Worth im Interview mit dem deutschen Monatsmagazin Cicero fest. Wer wollte dem widersprechen? Doch deswegen müsste der Mann noch lange nicht auf Londoner Bus-Werbeflächen gegen den Glauben agitieren. Denn was als Aussage über das menschliche Individuum unbestreitbar ist, kann auf die gesamte Gesellschaft übertragen falsch sein und Verwirrung stiften. Joschka Fischer – als Glaubens-Apologet unverdächtig – fand schon 1992 in seinem Buch: „Die Linke nach dem Sozialismus“ zu der uralten Erkenntnis zurück: „Eine Ethik, die sich nicht auf die tiefer reichende, normative Kraft einer verbindlichen Religion (…) stützen kann, wird es schwer haben, sich in der Gesellschaft durchzusetzen und von Dauer zu sein. Eine Verantwortungsethik ohne religiöse Fundierung scheint (…) einfach nicht zu funktionieren“. Gregor Gysi wurde im März 2005 in der Evangelischen Akademie Tutzing noch deutlicher: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft“. Das Institut für Demoskopie Allensbach ermittelte, dass drei Viertel der deutschen Führungskräfte in Wirtschaft, Politik und Verwaltung der Meinung zustimmen: „Wenn in einer Gesellschaft die religiösen Bindungen schwächer werden, gehen auch wichtige Werte und Massstäbe verloren“; nur 22 Prozent glaubten dies nicht.
Tatsächlich sind Glaubensüberzeugungen und Glaubenspraxis kein isolierter Lebensbereich, sondern durchwirken – bewusst oder unbewusst – die persönliche Existenz in all ihren Dimensionen: als Familienmensch, als Freund oder Partnerin, Vater oder Mutter, als Berufstätiger, Vereinsmitglied und Nachbar, als Wirtschaftssubjekt und Staatsbürger. Religiöse Überzeugungen beeinflussen Denken, Fühlen und Handeln, Sitte und Moral, Wert- und Unwertbewusstsein, Konsum- und Wahlentscheidungen. (…)

Befunde zu Weltbild und Moral des Atheismus

Die empirische Sozialforschung förderte über das geistig-moralische Profil konfessionsloser und explizit atheistischer Bürger wenig Schmeichelhaftes zutage. Atheisten sind im Durchschnitt materialistischer, egoistischer und hedonistischer eingestellt. Eine Repräsentativumfrage für die Allensbacher Werbeträger-Analyse 2005 fragte 14-29jährige Deutsche danach, „was im Leben wichtig ist“. Junge Leute, die sich als „religiös“ bekennen, nannten signifikant häufiger als areligiöse die Werte: „gute, vielseitige Bildung“ (72 zu 55 Prozent), „immer Neues lernen“ (69:54), „soziale Gerechtigkeit“ (69:52), „Menschen helfen, die in Not geraten“ (69:46), „Kinder haben“ (61:42), „Verantwortung für andere übernehmen“ (43:26), „Auseinandersetzung mit der Sinnfrage“ (45:19), „Naturerfahrungen“ (38:22), „aktive Teilnahme am politischen Leben“ (14:7). Bei zwei Antwortmöglichkeiten hatten die Areligiösen die Nase vorn: „hohes Einkommen“ (49:37 Prozent) und „Spass haben, das Leben geniessen“ (76:67). (…)

In den USA erklärten Mitglieder von Glaubensgemeinschaften – Kirchen und Synagogen – viel häufiger als Nichtmitglieder (80:55 Prozent), für wohltätige Zwecke Geld gespendet und ehrenamtliche Aufgaben übernommen zu haben (51 zu 33). Befragte, die einen tiefen religiösen Glauben bekundeten, meinten zu 89 Prozent, die Unterstützung von Notleidenden sei sehr wichtig; bei jenen, denen der Glaube wenig oder nichts bedeutete, waren es nur 52 Prozent. (…)

Schon bei der prinzipiellen Anerkennung ethischer Massstäbe eröffnet sich eine Kluft: Laut einer Allensbacher Umfrage vom Mai 2005 anerkennen 50 Prozent der regelmäßigen Kirchgänger gegenüber nur 32 Prozent der Konfessionslosen „völlig klare Massstäbe, was gut und was böse ist. Die gelten immer für jeden Menschen, egal unter welchen Umständen“; die Gegenmeinung: „Es kann nie völlig klare Maßstäbe für Gut und Böse geben. Was gut und böse ist, hängt immer allein von den gegebenen Umständen ab“ unterstützten 49 Prozent der Konfessionslosen, aber nur 18 Prozent der regelmäßigen katholischen und 29 Prozent der evangelischen Kirchgänger. (…)

„Was wir als böse erleben, ist Ergebnis ungerechter Systeme, in denen wir leben“, meinen 44 Prozent der Atheisten, aber nur 12 Prozent der Gottgläubigen; „Das sogenannte Böse sind in Wahrheit Aggressionen, die wir brauchen, um uns im Leben behaupten zu können“ meint jeder dritte Atheist, aber nur jeder fünfte Gläubige. Durch diese beiden Formen der politisch-moralischen und psychologischen Selbstentschuldung (Exkulpation) ist der Weg in den Verdruss über andere, über Politiker, das „System“ oder die Gesellschaft geebnet – und die Neigung zu grossstrukturellen Weltverbesserungsentwürfen. Die Folgen sind bekannt. (…)

Weniger Frust, Drogen, Scheidungen und Selbstmorde, besserer Sex

Sind es aber nicht primär die Makrostrukturen der Gesellschaft, sondern die Mikrostrukturen der persönlichen Lebensverhältnisse in Familie, Schule und Arbeitswelt, die junge Menschen politisch radikalisieren, dann ist der christliche Glaube mit seiner sinn- und identitätsstiftenden Hoffnung, mit seinem Trost und seinem in allen Beziehungen hilfreichen, tradierten Orientierungswissen ein Faktor der persönlichen Daseinsbewältigung und dadurch der politischen Befriedung. Da christliche Familien eine größere emotionale Stabilität und Kultur aufweisen – was zuletzt das Allensbacher „Generationen-Barometer 2006“ belegte –, sind bei den Jugendlichen Brüche in der Sozialisation seltener, ihre Normenkonformität ist größer, ihr persönliches Zukunftsvertrauen ausgeprägter, die Einstellung zum Beruf und die Beschreibung des eigenen Gesundheitszustands positiver, Liebeskummer tritt „nicht so häufig auf, das heisst, die Partnerschaften werden behutsamer und wahrscheinlich mit größerer Treue geführt“ – kurzum: „Das Lebensgefühl tendiert stärker zum Positiven“ (Jugendforscher Gerhard Schmidtchen). Gläubige fühlen sich laut Allensbach trotz angeblich nur einengender Gebote und Verbote in ihrer Lebensgestaltung sogar freier als Konfessionslose, und zwar in West- wie in Ostdeutschland.

Die Zeitschrift „Psychologie heute“ berichtete schon vor zehn Jahren: Der Glaube an einen gütigen Gott geht mit einem höheren Grad an seelischer Gesundheit einher, erleichtert die Bewältigung von Stress, Kummer, Verlust und Lebenskrisen und beschleunigt Genesungsprozesse. „Die Gläubigen konsumieren weitaus weniger Drogen und Alkohol als die Nicht-Gläubigen, begehen weniger Selbstmorde, haben niedrigere Scheidungsraten und – vielleicht überraschend – sie haben besseren Sex“. Die Scheidungsrate regelmäßiger Kirchgänger in den USA liegt zum Beispiel nur bei 18 Prozent gegenüber 34 Prozent bei kirchenfernen Menschen. (…) Wie Jon Worth angesichts all dieser Befunde auf die Idee kommen konnte, seinen Aufruf „Stop worrying and enjoy your life“ an eine Abkehr von Gott zu binden, ist nur dadurch zu erklären, dass er nicht gründlich genug recherchiert und seine Klischees von Glauben mit der Wirklichkeit verwechselt hat.

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Quelle: Europe4Christ

Die vollständige Version dieses Textes und das Interview mit Jon Worth: „Man muss nicht an Gott glauben, um ein ethischer Mensch zu sein“ finden Sie auf www.cicero.de/97.php?item=3376

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Andreas Püttmann