Freiheit als pädagogisches Elixier

In den Schulen wird immer enger normiert. Dabei müssten Lehrpersonen ihre Kinder zur Autonomie führen. Zum Paradox von Regulierung und Freiheit.

Von Carl Bossard

Sonntags predigt man die Freiheit der Lehrperson und beschwört ihren autonomen Unternehmergeist als Klassenverantwortliche. Werktags reguliert man zügig drauflos. Alles in der Schule ist bald geregelt. Norm statt Freiheit, Reglemente statt Autonomie. Ob Unterricht gelingt, ob die Schülerinnen und Schüler gerne in die Schule gehen, hängt von der Person der Lehrerin und des Lehrers ab, von ihrer vitalen Präsenz und persönlichen Energie, ihrer Dynamik und Leidenschaft, ihrem Schwung und – ganz entscheidend – ihrer Haltung. Nicht von der Anzahl der Vorschriften. Zu viele Weisungen lähmen den Geist und hemmen das Handeln. Zu viele Vorschriften strangulieren Spontaneität und ersticken Kreativität.

Kinder in Kompetenzraster zwängen

Genau das passiert im Moment. Ein Beispiel illustriert’s: Elterngespräch in einer zweiten Klasse; zwingende Grundlage bildet ein Kriterienraster mit 72 Kompetenzen, eine Matrix von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ein Kind im Rahmen des Lernprozesses zu erlangen hat, aufgeteilt in je drei Niveaustufen. Da steht für das 1./2.-Klasskind zum Beispiel: „Feste, Brauchtum und Erzählungen als wesentliche Dimension von Religionen verstehen.“

Die Primarlehrerin muss diese Kästchen mit Vater und Mutter innert zweier Jahre dreimal durchgehen und „Kreuzchen im Kästchen“ setzen. Bei 18 Kindern sind das pro Gesprächsrunde 1’296 Kompetenzen, bilateral zu bereden. Das Kind ist beim Elterntreff dabei.

Anna und ihre Selbstkompetenz

Die standardisierten Gespräche sind minutiös vorzubereiten und auch zu protokollieren. Das umfangreiche Frageraster beginnt mit sieben Lernzielen zur Selbstkompetenz. Entsprechend formuliert ist die Ouvertürefrage: „Anna, wie würdest du deine Selbstkompetenz einschätzen?“, will die 2.-Klasslehrerin wissen. Das ist keine böswillige Fiktion, das ist Faktum, live erlebt.

Doch wie soll ein kleines Kind seine „Selbstkompetenz“ kritisch beurteilen, wenn Erwachsene kaum verstehen, was sie bedeutet. Dass sie sich zum Selbst bilden müssen, wird vielleicht noch klar; aber wie dieses Selbst dann noch eine Kompetenz zum Selbst haben soll, bleibt ihnen wohl schleierhaft. Und erst einem Kind?

Lehrer sind keine Lakaien der Bildungsverwaltung

In solchem Fachjargon spricht keine Pädagogin mit ihren Kindern, so drückt sich kein Pädagoge spontan aus. Doch die Kompetenzraster zwingen sie zu dieser Sprache. Die Bildungsverwaltung schreibt den engmaschigen Fragebogen vor. Die Lehrerin wird so zur Sklavin des dichten Lernzielkatalogs, der Lehrer zum Lakaien der Bürokratie, der solche Fragen stellen muss. Die Lehrpersonen mutieren zu Verwaltern von Kompetenzen.

Doch Schülerinnen und Schüler brauchen keine Buchhalter; sie brauchen „bedeutungsvolle Erwachsene“, wie dies der Kindertherapeut und Pädagogie Bruno Bettelheim vor vielen Jahren genannt hat. Er meinte damit Vorbilder. Es sind Pädagogen, die ihre Kinder im persönlichen Kontakt in die Unterrichtsthemen einführen und sie mit Elan und Freude in ihrer Autonomie stärken.

Freiheit: Kern des pädagogischen Wirkens

Solchen Lehrpersonen ist Freiheit eine Grundbedingung. In der Freiheit liegt der Kern des ganzen pädagogischen Wirkens. Diese Freiheit gründet in allgemeinen Prinzipien. Doch sie müssen leicht verständlich und lebensnah sein, wenn sie ihre Wirkkraft entfalten wollen. Das wissen wir aus der Wahrnehmungspsychologie. Nur so können Lehrerinnen und Lehrer situativ richtig reagieren, spontan auf die Kinder eingehen und aus dem Moment Kreatives entstehen lassen. Humor und Witz, Imagination und Fantasie blühen nicht im engen Korsett der Vorschriften; sie brauchen einen Humus der Freiheit.

Lückenlose Kontrolle: Gegenteil von Freiheit

Was Freiheit bedeutet, müssten angehende Pädagogen in ihrer Ausbildung erfahren und vorgelebt erhalten. Doch auch an Pädagogischen Hochschulen wird normiert und reguliert, standardisiert und programmiert; die einzelnen Unterrichtslektionen sind mit unnötigen Vorgaben kanalisiert und eingeengt. Man will alles unter Kontrolle halten, will lückenlos korrekt sein. Doch das bedeutet das Gegenteil von Freiheit. Eine Freiheit, die nicht scheitern kann, ist gar keine. „Wer nicht mehr irrt, der lasse sich begraben“, meinte Goethe maliziös.

Das Beispiel aus einer PH ist symptomatisch: Studierende müssen einen Zweier-Vortrag von zehn Minuten Dauer halten. Strikt zu beachten sind 16 detailliert formulierte Kriterien. Pro Kriterium ergibt das ein Zeitbudget von etwas mehr als 35 Sekunden. Enger geht es kaum. Wie soll da die Freiheit des kreativen Gestaltens und spontanen Improvisierens zum Tragen kommen?

Der administrative Aufwand nimmt zu

Lehrpersonen sind zunehmend mit Administration und Dokumentation belastet. Die Bürokratie beansprucht Zeit und absorbiert Energie. Der administrative Aufwand nimmt zu, die Direktiven aus den dichten Regelwerken wie Lehrplan 21 intensivieren sich, die Freiheit schwindet. Hierarchisch bedingte Vorgaben engen den pädagogisch notwendigen Spielraum ein.

Das hat unter anderem auch mit den teilautonom geleiteten Schulen zu tun. „Ein Ziel dieser Reform war die Entlastung von Bürokratie. Genau die ist aber seit der Einführung der geleiteten Schulen explodiert“, schreibt Christina Rothen, Universität Zürich, in einer Analyse. (1) Die Folge: ein oft unnötiger und kräftezehrender Aktivismus im Operativen.

Lehrerpersonen brauchen Freiheit im Operativen

Dabei müssten Lehrpersonen nur mit Vorgaben im Prinzipiellen geleitet werden. Im Operativen des Alltags, im pädagogischen Erdgeschoss, brauchen sie situative Freiheit. Nur so können sie sich für den individuellen Fortschritt ihrer Kinder und für ihr menschliches Wohlbefinden verantwortlich fühlen, nur so können sie die Jugendlichen mit achtungsvoller Wertschätzung begleiten. John Hatties empirisch breit fundierte und weltweit beachtete Studie „Visible Learning“ zeigt es: Wirkung erzielen nicht primär Strukturen; Wirkung geht von den einzelnen Lehrpersonen und ihrem Unterricht aus; darum muss man ihnen den Freiraum lassen oder ihn wieder zurückgeben – zugunsten der Lernfortschritte ihrer Kinder und deren Autonomie. Freiheit als pädagogisches Elixier im anspruchsvollen Unterrichtsalltag!

 

(1) Vgl. Christina Rothen: Selbstständige Lehrer, lokale Behörden, kantonale Inspektoren. Verwaltung, Aufsicht und Steuerung der Primarschule im Kanton Bern 1832-2008. Zürich: Chronos, 2015.

Quelle: Onlineplattform journal21.ch vom 19.06.2018

2018-07-07T07:36:30+00:00 29.06.2018|