Kommentar von Dominik Lusser

Man darf doch annehmen, dass ein ausgebildeter Sexualpädagoge etwas vom Menschen versteht. Die vorgestrige Antwort von Bruno Wermuth, Doktor Sex von 20 Minuten, lässt daran aber gewisse Zweifel aufkommen. Und dies nicht zum ersten Mal. Der 26-jährige Pirmin leidet unter der zunehmenden Sexualisierung der Gesellschaft und hat Angst davor, dass seine Freundin, mit der er eine treue Beziehung führen möchte, angesteckt werden könnte von all den Eskapaden und Experimenten, für die tagtäglich in den Medien (auch in den Antworten von Dr. Sex) geworben wird. Lassen wir uns doch nichts einreden: Allein schon die neutrale Schilderung und Darstellung von Praktiken, die früher als pervers galten, führen zu deren Normalisierung. Wegen Geschichten wie Fremdgehen, offene Beziehungen und Gruppensex fällt es Pirmin immer schwerer, daran zu glauben, dass lebenslange Treue in einer Beziehung möglich ist. Darum seine Frage an Wermuth: „Schaffen Paare dies heute überhaupt noch?“ Doch Wermuth nimmt Pirmin gar nicht ernst. Der Sexualpädagoge mit eigener Praxis in Bern hält Pirmins Problem für „mittelalterlich“.

Wermuth fängt gut an, wenn er sagt: „Umfassend verstanden bezeichnet der Begriff ‚Sexualität‘ alle Lebensäusserungen, Verhaltensweisen, Gefühle, Empfindungen und Interaktionen eines Menschen in Bezug auf sein Geschlecht.“ Damit sagt er selbst, dass sich Sexualität nicht auf Sex reduzieren lässt. Der Widerspruch in der Antwort lässt aber nicht auf sich warten: „Mir scheint, es geht in deiner Frage nicht um Sexualität, sondern um Moral (…) Und es geht um deine Angst davor, dass deine Freundin ihre Werte über Bord werfen und dich damit in grosse Not stürzen könnte.“ Wenn sich aber Sexualität nicht in der Befriedigung eines Triebes erschöpft, sondern den ganzen Menschen betrifft, wieso sollt dann die Moral davon ausgeklammert werden können? Schliesslich regelt ja Moral in allen Bereichen das Zusammenleben des Kulturwesens Mensch. Dies im Unterschied zum triebgesteuerten Tier.

Wermuth hat offenbar Mühe damit, Moral anders zu verstehen denn als willkürliche, potentiell unterdrückerische Konvention unter Menschen. Damit gibt er sich als Grosskind der 1968er-Jahre zu erkennen und als Vertreter der daraus hervorgegangenen emanzipatorischen Sexualpädagogik. „Die Wahrheit ist ein pfadloses Land. Wir Menschen haben die Freiheit zu wählen“, beschreibt Wermuth seine Lebens- und Sexualphilosophie. „Diese sollten wir nutzen, um so die Welt zu einem Ort der Liebe und des friedlichen Miteinanders zu machen, statt uns mittelalterliche Strukturen und Abhängigkeiten zurückzuwünschen!“ Das klingt ganz nach dem „Peace“ und „Love“ der sexuellen Revolution der 1970er-Jahre, das sich seither aber als Utopie erwiesen hat. Die Ängste und Sorgen von Pirmin – und von 67 Prozent der Teilnehmer der 20 Minuten-Umfrage, die unsere Gesellschaft für übersexualisiert halten – zeigen, dass es um die sogenannt sexuell befreite Gesellschaft nicht so gut bestellt ist.

Wermuth sagt zwar richtig: Auch früher sei es nicht einfach gewesen, sich ein Leben lang treu zu bleiben. Er wehrt sich aber kategorisch dagegen, die „bösen“ Medien für eine Verschlechterung der Aussichten auf lebenslange sexuelle Treue verantwortlich zu machen. Denn diese würden schliesslich ja nur über Handlungen von Menschen berichten. Die Berichterstattung aber sei heute offener als vor 20 Jahren, da es keine homogene Leitkultur mehr gäbe. „Darüber, ob das gut oder schlecht ist, kann man sich endlos streiten. Fakt ist: Leben ist mehr, als sich nach Regeln zu verhalten, die andere für einen aufgestellt haben.“

Damit aber liegt Wermuth in doppelter Weise falsch: Denn erstens gibt es, wie ein Leserkommentar treffend bemerkt, auch heute noch so etwas wie eine sexuelle Leitkultur, die sich einfach in ihr Gegenteil verkehrt hat: „Heute ist es verboten zu verbieten.“ Wir seien noch genauso wie vor 1968 in den Verboten gefangen. Heute normiere einfach die Pornoindustrie die Sexualität der Menschen. Dies deckt sich mit den Erkenntnissen der Bremer Sexualwissenschaftlerin Ingelore Ebberfeld, die in ihrem neuen Buch „Der sexuelle Supergau: Wo bleiben Lust, Schamm und Sittlichkeit?“ (2015) den neuen Normierungen in der Sexualität nachgeht. Es habe sie sehr beunruhigt, als eine 14-Jährige sie fragte, ob Analverkehr normal sei. Allein schon in dieser Frage kommt zum Ausdruck, dass hier neue Normen und Standards geschaffen worden sind, die Jugendliche enorm unter Druck setzen und verängstigen können.

Zweitens aber, und hier scheint mir die eigentliche Schwierigkeit von Wermuhts Gedankengebäude zu liegen, ist Sexualität nicht einfach ein von aussen mit beliebigen Werten besetztes Thema. Die menschliche Sexualität hat einen inneren Wert. Sexualität erschöpft sich nicht in der Befriedigung eines Triebes. Sie ist fähig, auf grundlegende Bedürfnisse des Menschen eine Antwort zu geben: Ganz zentral ist ihre Fähigkeit, die tiefe Verbundenheit zwischen zwei Menschen zum Ausdruck zu bringe, die sich lieben, sowie deren Bindung zu stärken. Dieser Wert der Sexualität aber ist nicht beliebig, sondern hat eine biologisch-psychologische Grundlage in der Natur des Menschen. Ob Bruno Wermuht wohl noch nie etwas vom Bindungshormon Oxytocin gehört haben mag, das insbesondere während des Orgasmus ausgeschüttet wird und starke andauernde, nicht auf andere Personen übertragbare Gefühle der Verbundenheit bewirkt? Auch die evolutionsbedingte Universalität der Eifersucht gegenüber potentiellen Konkurrenten (das sog. „human mate guarding“) scheint ihm unbekannt zu sein. Doch zeigen allein schon diese biologischen Fakten, wie verletzlich die menschliche Sexualität ist. Bedenkt man ferner, dass das Glückshormon Endorphin für Entspannung beim Sexualakt sorgt, und vor allem Frauen hilft, zum Höhepunkt zu kommen, ahnt man schon, dass Vertrauensbrüche oder auch nur die Angst davor sogar die sexuelle Genussfähigkeit stark in Mitleidenschaft ziehen können.

All dies um zu sagen, dass Pirmins Sorgen nicht aus der Luft gegriffen sind, sondern gerade von Sexualpädagogen äusserst ernst genommen werden sollten. Die Porno-Kultur, in der wir leben, reduziert Sexualität auf die Genitalien und die pure körperliche Lust, den Sexualpartner aber auf ein beliebig austauschbares Konsumgut. Äusserst besorgniserregend ist es, wenn zahlrieche Sexualpädagogen Jugendliche nicht ausreichend vor dem Konsum von Pornografie warnen und beschwichtigen, die Fähigkeit der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion würde reichen, mit der Sex-Bilderflut „kompetent“ umgehen zu können. Auch hier zeigt sich, wie wenig Ahnung gewisse Experten vom Menschen haben. Wer etwas darüber weiss, dass Sexualität und Sexualverhalten beim Menschen durch körperliche, emotionale und psychische Vorgänge, die ausgesprochen Belohnungs-Feedback-Charakter haben, über die Lebensspanne entwickelt wird, kann vom Pornokonsum eigentlich nur ganz abraten. Viele Sexualforscher sind überzeugt: Das wichtigste „Sexualorgan“ ist nicht das Gential, sondern der Kopf. Dieser aber lässt sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass menschliche Sexualität, wenn sie ganzheitlich, stimmig und beglückend gelebt werden will, auf ein Du ausgerichtet sein muss, an das man sich in Liebe und Treue gebunden hat.

Es geht nicht darum infrage zu stellen, ob erwachsene das Recht und die „Freiheit“ haben, ihre Sexualität auch ganz anders zu leben. Es geht darum, dass die Wahrheitsfrage – anders als Herr Wermuth meint – auch für die Sexualität ihre Berechtigung hat. Was stimmige Sexualität ist, das entscheidet nicht nur ein autonomes, emanzipiertes Subjekt nach Lust und Laune, sondern ist von der menschlichen Natur zu einem wesentlichen Teil vorgegeben. Wer sich nicht daran hält, bezahlt den Preis dafür: etwa durch gefühlsmässige Abstumpfung, Missbrauchserfahrungen, Erektionstörungen oder Bindungsunfähigkeit, um nur ein paar mögliche Folgen sexueller Zügellosigkeit zu nennen. Sexualpädagogik hat nicht die Aufgabe, moralisch zu bevormunden, was sie im Moment aber leider viel zu häufig tut, wenn sie Jugendliche auf Emanzipation von tradierten Vorstellungen und auf tabulose Selbstbestimmung trimmt. Wohl aber hätte sie die Aufgabe, die anthropologischen Zusammenhänge, die menschlicher Sexualität zugrundeliegen, sachlich darzulegen. Eine Wertewissen in diesem Sinn wäre dann die Grundlage dafür, dass Jugendliche zu einer gesund-kritischen Haltung und zu Entscheidungen befähigt würden, die ihnen tatsächlich mehr sexuelle Freiheit ermöglichen.

Es wäre wünschenswert, wenn Dr. Sex künftig etwas mehr den ganzen Menschen in den Blick nehmen würde, als auch nach fünfzig Jahren damit fortzufahren, hochproblematische Entwicklungen mit Berufung auf eine utopische Emanzipationsideologie schönzureden und weiter voranzutreiben.

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Lesen Sie mehr zu den Sorgen und Ängsten der Schweizerinnen und Schweizer bezüglich Übersexualisierung in den Leser-Kommentaren zu Doktor Sex unter:

http://www.20min.ch/leben/dossier/herzsex/story/22166874