Digitalisierter Arbeitsplatz: Mehr Zeit für den Menschen?

Zukunftsforscher Andreas Walker hat im Interview mit der Zeitschrift „Blickwinkel“ (Ausgabe Herbst 2019) interessante Gedanken zur Zukunft der Arbeit in einer zunehmend digitalisierten Welt formuliert. Der promovierte Wirtschaftsgeograph und Inhaber einer Beratungsfirma hob besonders die Chancen der Digitalisierung hervor.

„Unsere Generation hat in der Vergangenheit nach den alten Regeln stunden-, ja tagelang Excel-Tabellen ausgefüllt, um ein Resultat zu erhalten. Und wir waren der Überzeugung, dass dies hochwertige Arbeit sei“, erklärt Walker. Wenn nun solche Datenbearbeitung nicht mehr durch akademisch gebildete Kaderleute, sondern durch Maschinen und Algorithmen erledigt werde und wir mehr Zeit zum Denken, zur Führung von Menschen und zum Kundengespräch erhielten, sei dies eine grosse Chance. Um die dadurch gewonnene Zeit zu nützen, müssten wir „das Kreativsein, die zwischenmenschliche Beziehung, das Entwickeln neuer Produkte, das Sich-Kümmern neu erlernen“. Gerade die Digitalisierung gebe uns die Chance, das Menschsein neu zu entdecken.

Ein Problem unserer Wirtschaft sieht Walker allerdings darin, dass sie Arbeit noch immer als „verkaufte Arbeitszeit“, häufig sogar als „Präsenzzeit“ definiert. „Der Erfolg einer therapeutischen oder kreativen Leistung kann aber nicht so klar gemessen werden wie das Ausfüllen einer Excel-Tabelle.“ Dazu macht Walker folgendes Beispiel: „Heute haben wir einen Hitzetag. Warum wird derjenige, der im Büro sitzt, auf den Bildschirm starrt und vor sich hin schwitzt, besser bewertet als derjenige, der den Nachmittag im Schwimmbad verbringt, danach ausgeruht in den kühlen Abendstunden arbeitet und nun den entscheidenden Geistesblitz hat? Und unser erster Mann, der einen Tag lang auf den PC gestarrt und die Superidee nicht hatte, beklagt sich am Abend über Migräne … Wollen wir nun Arbeitszeitaufwand oder Resultat und Erfolg?“

Das herkömmliche Konzept von Arbeit entspricht laut Walker den Zeiten der industriellen Produktion, die sich längst dem Ende zuneigt: „Es ging um Zählen, Messen und Rechnen. Unser Verständnis von Arbeit, Gerechtigkeit, Zählbarkeit, Technik und Geld ist eng gekoppelt. Aber in einer Zukunft, in der Dienstleistung, individuelle Kundenzufriedenheit, Kreativität und Innovation an Bedeutung gewinnen, müssen wir unser Verständnis von Arbeit weiterentwickeln.“

2019-12-13T06:16:13+00:00 21.11.2019|