Sexuelle Orientierung: Keine Erfahrungsbefunde ausschliessen

Vorgefertigte Meinungen und Ideologien sind wenig hilfreich, um die Forschung zur Homosexualität weiterzubringen, die letztlich im Interesse gleichgeschlechtlich empfindender Menschen an einem glücklichen Leben stehen sollte.

Von Dominik Lusser

Zur neuen Studie über mögliche genetische Ursachen der Homosexualität (Ganna et al. 2019) ist seit Ende August viel Tinte geflossen. Die divergierenden Lesarten werden schon in den Schlagzeilen deutlich. „Gene prägen die sexuelle Orientierung“, titelte die NZZ. „Der Mythos vom Schwulen-Gen ist gesprengt worden“, schrieb hingegen der Priester und emeritierte Professor für Soziologie an der Catholic University of America in Washington, Paul Sullins, auf Mercatornet.com. Auch die Studienautoren selbst zeigten sich sehr besorgt um die Interpretation ihrer Resultate und versuchten, mit Support der Mainstreammedien, den Takt vorzugeben. „Ich hoffe, dass die Wissenschaft helfen kann, Menschen (…) darüber aufzuklären, wie natürlich und normal homosexuelles Verhalten ist“, zitierte die „New York Times“ Mitautor Benjamin Neale. Und das „Time Magazine“ verbreitete folgende Aussage des Genetikers: Unsere Forschung „sollte auch die Position stützen, dass wir keine ‚Schwulen-Heilungen‘ versuchen und entwickeln sollten.“ Diese seien „für niemanden von Interesse“.

Kaum genetische Unterschiede

Doch was sagt die Studie wirklich? Und welche Interpretationen des Phänomens Homosexualität werden durch sie gestützt? Andrea Ganna und seine Kollegen glichen in einer genomweiten Assoziationsstudie die genetischen Profile von fast 500‘000 Menschen mit ihren Antworten auf die Frage ab, ob sie in ihrem Leben mindestens eine homosexuelle Erfahrung gemacht hatten, oder nicht. Dabei entdeckten die Forscher mehrere hundert DNA-Varianten, die mit gleichgeschlechtlichem Verhalten korrelierten. Zusammengenommen könnten diese Varianten zwischen 8 und 25 Prozent des gleichgeschlechtlichen Verhaltens erklären, schätzen die Studienautoren. Als signifikant mit homosexuellem Verhalten einhergehend identifizierten die Forscher lediglich fünf spezifische genetische Marker, von denen einer nur bei Frauen, und zwei nur bei Männern auftraten. Der Beitrag dieser Marker zur Erklärung homosexuellen Verhaltens wird mit jeweils unter 1 Prozent angegeben.

Die Autoren schliessen daraus, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten durch eine grosse Anzahl von Genen beeinflusst ist: „Viele Varianten mit je geringem Effekt (…) sind zusammen verantwortlich für die individuellen Differenzen in der Prädisposition zu gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten.“ Es sei unmöglich, aufgrund der Gene aussagekräftige Prognosen zum Sexualverhalten einer Person zu machen. „Genetik bildet weniger als die Hälfte der Geschichte unseres sexuellen Verhaltens ab“, musste darum auch Neale gegenüber den Medien einräumen. Oder in der prägnanten Formulierung von Professor Sullins: „Die Studie (…) zeigt, dass Homosexuelle sich von anderen Menschen genetisch nicht in bedeutsamer Weise unterscheiden“ und stellt heraus, „dass die meisten Personen mit einem identischen Genotyp wie Schwule und Lesben – in einem Verhältnis von 2 zu 1 – aus verschiedenen Gründen des sozialen Umfelds, der Entwicklung oder aus persönlichen Prinzipien, nie eine homosexuelle Beziehung eingehen.“

Keine rigiden Baupläne

Damit wird eindrücklich bestätigt, was schon Lawrence S. Mayer und Paul R. McHugh in ihrem Forschungsüberblick „Sexuality and Gender – Findings from the Biological, Psychological, and Social Sciences“ (The New Atlantis, 2016) festhielten: „Es gibt keine zuverlässigen wissenschaftlichen Nachweise, dass Gene eine Person in ihrer sexuellen Orientierung determinieren.“ Allerdings böten Zwillingsstudien manche Hinweise, „dass bestimmte genetische Profile möglicherweise die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass jemand sich später als schwul identifiziert oder gleichgeschlechtliches Sexualverhalten annimmt.“ Dies stimmt auch mit dem überein, was Verhaltensgenetiker seit Jahrzehnten zeigen: Gene beeinflussen zwar das Verhalten, legen einen aber nicht darauf fest, in einer bestimmten Weise zu denken, zu fühlen und zu handeln. Gene sind nicht rigide „Baupläne“ für das Verhalten. Vielmehr entwickeln sich menschliche Eigenschaften in einem dynamischen Prozess der Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt.

Ob dabei auch vom gegengeschlechtlichen Elternteil vererbte epigenetische Marker eine Rolle spielen, welche die Wirkung vorgeburtlicher Hormoneinflüsse geschlechtsatypisch verändern, ist noch weitgehend ungeklärt. Es handelt sich hier um Modelle mit hypothetischem Charakter (Rice et al. 2012). Denn im Normalfall werden vererbte epigenetische Marker gelöscht und entsprechend der geschlechterbezogenen Zellreaktion neue gebildet. Es würde sich, falls an der Hypothese etwas dran sein sollte, um einen sehr seltenen und eher unwahrscheinlichen Ausnahmefall handeln. Renommierte Forscher wie Neil E. Whitehead schätzen darum, dass sich der Einfluss der Epigenetik als „gering“ herausstellen und sich einreihen wird in die zahlreichen Versuche, der Homosexualität eine feste biologische Grundlage zu geben, und die bislang alle gescheitert sind.

Vorgefertigte Meinungen und Ideologien sind wenig hilfreich, um die Forschung zur Homosexualität weiterzubringen, die letztlich im Interesse gleichgeschlechtlich empfindender Menschen an einem glücklichen Leben stehen sollte. Als Orientierung gefragt sind realistische Menschenbilder, die keine Erfahrungsbefunde a priori ausschliessen. Dass eine vorsichtige Interpretation geboten ist, zeigen insbesondere die Daten über die Fluidität der sexuellen Orientierung zwischen homosexuell und heterosexuell im Jugendalter. Spontane Veränderungen dieser Art sind nach einer neuen Studie (Kaestle 2019) besonders bei Frauen sogar bis zum Alter von 30 Jahren häufig – ein starkes Argument gegen die These der angeborenen Homosexualität. Das aber wiederum spricht keineswegs gegen die Möglichkeit, dass eine langjährig praktizierte Homosexualität auf die Regulation der Gene zurückwirkt, wie die Epigenetik dies für andere Lebensumstände nachweisen konnte. Die Biografie schlägt sich so in der Biologie nieder, was gleichzeitig bedeutet, dass solche Entwicklungen keinen Notwendigkeitscharakter besitzen.

Selbstaktualisierung

Mayer und McHugh halten in ihrem Forschungsüberblick fest: „Unser sexuelles Begehren wird (…) als gegeben erfahren, obwohl es auf subtile Weise durch viele Faktoren geformt wird, die auch den Willen einschliessen.“ Dazu präzisieren sie, dass „willentlich“ meist nicht „bewusst überlegt“ bedeute: „Das Leben eines begehrenden, wollenden Handelnden involviert viele implizite Handlungsmuster aufgrund von Gewohnheiten, gemachten Erfahrungen, Erinnerungen, und auf subtile Weisen angenommene oder aufgegebene Lebenshaltungen.“ Diesen Prozess der Formung und Umformung unseres Selbst inklusive unseres sexuellen Begehrens, für den genetische Strukturen und Umwelteinflüsse „nur wichtige Zutaten“ seien, deuten Mayer und McHugh in Anlehnung an den humanistischen Psychologen Abraham Maslow als Selbstaktualisierung.

In eine ähnliche Richtung weist die Theorie der neuropsychologischen Schemabildung (vgl. K. Grawe, J. D. Lichtenberg): Entlang seiner Grundbedürfnisse bildet der Mensch gewisse neuropsychologisch verankerte Ordnungsmuster aus, sogenannte Schemata, die ihm in vielen Bereichen seines Lebens eine unbewusste Verhaltensorganisation ermöglichen, die reflexhaft und schnell ausgeführt werden kann. Bei der Herausbildung solcher Schemata wirken verschiedene Motive, Verhaltensweisen, Einstellungen und Erfahrungen zusammen. Da sich der Mensch leichter in (neurobiologisch) ausgetretenen Pfaden bewegt, als er sich auf neue Wege locken lässt, ist die Veränderung eines Schemas zwar schwierig, liegt aber im Bereich des Möglichen. Die Annahme, dass sexuelle Orientierungen sich aus verschiedenen Anlage- und Umweltfaktoren entwickeln und im Laufe des Lebens in bio-psycho-soziale, aber für jeden Menschen individuelle Schemata eingeschrieben werden, passt gut zu der multifaktoriellen Wirkung von genetischen Einflüssen, wie sie die neue Studie nahelegt.

Da vor allem in der Adoleszenz die Ausprägung der Schemata noch im Werden ist, scheint vor diesem Hintergrund nicht nur die Fluidität der sexuellen Orientierung in dieser Zeit plausibel. Ebenso können auch die zahllosen Einzelerfahrungen von Menschen, die mit ihrer sexuellen Orientierung Mühe bekunden und durch die begleitete Aufarbeitung untergründiger Konflikte unter Umständen die Erfahrung machen, wie die sexuelle Orientierung selbst in Bewegung kommt, als eine Art Selbstaktualisierung verstanden werden. Sowohl Forschung wie therapeutische Begleitung in diesen Fragen sollten darum vom Bemühen getragen sein, Menschen nicht vorschnell auf etwas festzulegen, sondern sie als Wesen zu begreifen, die danach streben, ihre inneren Möglichkeiten zu verwirklichen.

Ideologischer Essentialismus

Die Autoren der bislang grössten Studie zu den genetischen Grundlagen von Homosexualität fürchten, dass ihre Ergebnisse für diskriminierende Zwecke missbraucht werden könnten. Das scheint im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima allerdings weit hergeholt. Vielmehr haben wir es mit einem ideologischen Essentialismus im Bereich der Sexualität zu tun, der wider alle Erfahrung behauptet, dass Veränderungen prinzipiell unmöglich seien. Wer anderer Meinung ist, wird diffamiert. Mit Blick auf ein Gesetzesprojekt, mit dem in Deutschland therapeutische und beratende Angebote für veränderungswillige Homosexuelle sogar verboten werden sollen, ergibt sich aus der neuen Studie die dringliche und überaus ernste Frage: Wenn es ein Homo-Gen definitiv nicht gibt, warum halten LGBT-Aktivisten weiterhin daran fest, dass Toleranz gegenüber homosexuellem Verhalten Intoleranz gegenüber denjenigen Menschen erfordert, die unter ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung leiden und diese nicht ausleben wollen?

Dieser Text erschien in einer leicht längeren Fassung zuerst am 10. Oktober 2019 in der „Tagespost“.

2019-10-08T17:30:19+00:00 11.10.2019|