Die eigene Homosexualität verstehen dürfen

Der Wunsch nach Veränderung der sexuellen Orientierung und entsprechende Bemühungen werden in der öffentlichen Diskussion meist mit dem Begriff „Konversionstherapie“ in Verbindung und damit pauschal in Misskredit gebracht. Damit ist gerade auch homosexuell empfindenden Menschen nicht gedient.

Von Dominik Lusser

Der Begriff „Konversionstherapie“ nährt die Vorstellung, Homosexuelle würden durch therapeutische Massnahmen, die direkten Einfluss auf das sexuelle Begehren nehmen, zu Heterosexuellen gemacht. Was umgangssprachlich oft als „Umpolung“ scharf kritisiert wird, hat aber mit dem, was in Deutschland insbesondere von Institutionen mit christlichem Werthintergrund hilfesuchenden Homosexuellen angeboten wird, nichts zu tun. Doch von einem Bemühen um Differenzierung ist in der medialen und politischen Auseinandersetzung zu diesem Thema wenig zu spüren. Insbesondere scheint die Wissenschaft in dieser ideologisch geprägten Debatte kaum eine Rolle zu spielen.

Befeuert durch den Kinostart des Films „Der verlorene Sohn“ (Originaltitel: „Boy Erased“) kocht gegenwärtig die emotionsgeladene Diskussion um Konversionstherapien wieder einmal hoch. Basierend auf wahren Begebenheiten zeigt der mit Hollywoodgrössen besetzte Film die Geschichte eines 19-jährigen Pastorensohns, dem in einem Konversionscamp mit unzimperlichen und manipulativen Methoden seine Vorliebe für Männer ausgetrieben werden soll. Natürlich ohne Erfolg. Das Gezeigte schockiert und schürt beim unkundigen Kinobesucher generelle Empörung über Versuche, die sexuelle Orientierung verändern zu wollen.

Falschdarstellungen

Das Problem solcher Filme, die bald schon Millionen gesehen haben werden, besteht darin, dass sie dem Betrachter wenig Hilfe bieten, das Gesehene einzuordnen. Auch in den USA ist nämlich die Palette von Angeboten für Menschen, die nach einer Veränderung ihres sexuellen Empfindens suchen, wesentlich breiter, als „Boy Erased“ erahnen lässt. Doch das wird in Zeitung und Fernsehen kaum je thematisiert. Und wenn von hiesigen Hilfsangeboten berichtet wird, so werden diese in aller Regel ebenfalls in einen direkten oder indirekten Zusammenhang mit der verrufenen Konversionstherapie gebracht, obwohl in Deutschland nicht nur niemand solche Therapien anbietet oder propagiert, sondern die fälschlicherweise bezichtigten Anbieter sich davon sogar ausdrücklich distanzieren. Regelmässig ist in solchen Beiträgen auch von Aversionstherapien mit Elektroschockbehandlung die Rede, mit denen in den 1970er Jahren – insbesondere in den USA – versucht wurde, Homosexuelle von ihren Phantasien und Vorlieben zu entwöhnen. Dabei ist fraglich, ob solche Therapien in Deutschland je angewendet worden sind. All dem zum Trotz hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn im Februar 2019 ein Gesetz zum Verbot von Konversionstherapien in Aussicht gestellt. Er halte von solchen Therapien schon wegen seines eigenen Schwulseins nichts. Doch wen oder was hat der CDU-Minister dabei im Visier?

Da „Konversionstherapie“ im deutschen Kontext ein Phantom-Begriff darstellt, geht die berechtigte Sorge um, auch seriöse, auf neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft beruhende Beratungs- und Therapieangebote könnten von einem künftigen Gesetz betroffen sein. „Für die Differenzierung, was Konversionstherapie bedeutet, und dass sie selbstverständlich keine Anwendung findet, interessiert sich am Ende niemand“, schrieb Stefan Schmidt vom Institut für dialogische und identitätsfindende Seelsorge und Beratung e.V. (IDISB, vormals „wuestenstrom“) schon im Dezember 2018 in einer Stellungnahme. Offenbar müsse vielmehr davon ausgegangen werden, dass nach Lebenspartnerschaft und „Ehe für alle“ nun alles ausgetilgt werden solle, was der Idee des ein für alle Mal homosexuellen Menschen widerspreche. Und da seien, so Schmidt, „Menschen ein Dorn im Auge, die unter ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung leiden, nach Veränderung und alternativen Lebenskonzepten suchen oder gar von einer Veränderung der sexuellen Orientierung berichten.“

Konflikte aufarbeiten

Was aber bietet das IDISB suchenden Menschen an? Seine Berater gehen davon aus, dass sich die sexuelle Orientierung einer direkten Beeinflussung entzieht. Darum vertreten sie, im Einklang mit der Weltgesundheitsorganisation WHO, auch nicht die Auffassung, Homosexualität an sich sei eine Krankheit bzw. therapierbar: „Nur das, was auf psychischer oder sozialer Ebene als Konflikt greifbar ist, kann in einer Beratung reflektiert werden, nicht aber das sexuelle Streben selbst“, stellt Schmidt klar. Gemäss dem sexualwissenschaftlichen Forschungsstand versteht das IDISB sexuelle Orientierung allerdings nicht als angeboren und unflexibel. Vielmehr sieht es diese in der Komplexität ihrer Entwicklung, die durch verschiedene Motive und Bedürfnisse gespeist und durch Lebensgeschichte, Familie und Kultur stark mitgeprägt wird, wobei auch Traumata, Schamerfahrungen, Vernachlässigungen und frühe Verluste Eingang finden können in das eigene erotische Erleben. Entdeckt ein Mensch in diesem Zusammenhang, dass seine gleichgeschlechtliche Orientierung mit Konflikten verbunden ist, dann kann er diese aufarbeiten. Bei manchen Menschen kann sich dadurch die sexuelle Orientierung verändern, was aber kein Automatismus ist. In jedem Fall stellt sich aber, so die Erfahrung des IDISB, durch die Bearbeitung des mit der Sexualität verbunden Konfliktes eine Verbesserung des psychischen Allgemeinbefindens ein.

Damit stellen das IDISB und weitere ähnliche Beratungs- oder Therapieangebote den Unveränderbarkeits-Mythos in Frage, dem auch der Film „Boy Erased“ verpflichtet ist. „Die Wahrheit kann nicht bekehrt werden“, lautet der irreführende Untertitel des Films, der ganz dem Narrativ der Homosexuellenbewegung folgt. Demnach gilt als ausgemacht, dass die sexuelle Orientierung so tief in der Persönlichkeit verankert ist, dass jeder Versuch einer Veränderung als unwirksam, potentiell schädlich und menschenverachtend zurückgewiesen wird.

Weder angeboren, noch unflexibel

Vor der Wissenschaft haben solche Pauschalurteile allerdings keinen Bestand. Die Forscher Lawrence S. Mayer und Paul R. McHugh haben 2016 in der Wissenschaftszeitung „The New Atlantis“ eine umfassende Zusammenstellung des Forschungstandes zum Thema der sexuellen Orientierung vorgelegt. Sie halten fest, dass weder sexuelles Begehren, noch Anziehung oder Sehnsüchte als unveränderliche, für immer festgelegte biologische oder auch nur für immer festgelegte psychische Eigenschaften des Menschen gelten können. Dies wird schon in der ausgeprägten Fluidität der Homosexualität im Jugendalter deutlich. Die Forscher Ritch C. Savin-Williams und Geoffrey L. Ream zeigen, dass über 90 Prozent der Jugendlichen, die mit 16 eine homo- oder bisexuelle Neigung angeben, innerhalb eines Jahres eine spontane Veränderung in Richtung Heterosexualität erleben, und dass junge Menschen sich 25 Mal häufiger von homosexuell zu heterosexuell verändern als umgekehrt. Besonders Savin-Williams spricht in seinen Publikationen auch davon, dass es den „klassischen“ homosexuellen Jugendlichen gar nicht mehr so häufig gäbe. So würden viele Jugendliche sich eher als bisexuell beschreiben, was für eine Offenheit ihrer sexuellen Orientierung in zwei Richtungen spricht.

Mayer und McHugh halten die sexuelle Anziehung als durch eine Anzahl von Umweltfaktoren beeinflusst, zu denen auch soziale Stressoren wie emotionaler oder sexueller Missbrauch oder körperliche Misshandlung zählen. Für ein ganzheitliches Bild, wie sexuelle Anziehung bzw. sexuelles Begehren entsteht, seien die „Faktoren Entwicklung, Umwelt, Erfahrung und soziales Umfeld“, aber auch der „persönliche Wille“ zu berücksichtigen.

Therapieerfolge

Der Wille und die Motive, die diesen bewegen, scheinen auch in einem allfälligen Veränderungsprozess eine nicht unbeachtliche Rolle zu spielen. So stellt eine 2018 erschienene Studie religiös motivierten Menschen eine erstaunlich hohe Wahrscheinlichkeit in Aussicht, Veränderung in der sexuellen Orientierung zu erleben. In der medizinischen Fachzeitschrift der US-amerikanischen „Catholic Medial Association“ (The Linacre Quarterly) präsentierten Forscher ihre Befragung von 125 aktiv religiösen Männern (meist Christen verschiedener Denominationen), die therapeutische Angebote zwecks Veränderung ihrer ungewollten homosexuellen Anziehung in Anspruch genommen hatten. 68 Prozent der Befragten berichten von einem graduell unterschiedlichen Rückgang ihrer gleichgeschlechtlichen Anziehung und Verhaltensweise sowie über eine Zunahme ihrer Anziehung zu Frauen. Jeder siebte Teilnehmer (14 Prozent) gibt an, seine Orientierung habe sich von exklusiv homosexuell zu exklusiv heterosexuell verändert. Parallel dazu berichten die Forscher über mässige bis deutliche Rückgänge bei Depressionen, Drogenmissbrauch, Suizidalität sowie über Verbesserungen beim Selbstwertgefühl und im Sozialverhalten.

Die Forscher halten fest, dass ihrer Studie zufolge therapeutische Bemühungen zur Veränderung der sexuellen Orientierung weder als schädlich, noch als wirkungslos bezeichnet werden können. Auch räumen sie mit dem gängigen Klischee auf, sozialer Druck sei der vorrangige Grund, solche Angebote in Anspruch zu nehmen.

Auseinandersetzung muss möglich bleiben

Wenn diese Studie wegen ihres geringen Umfangs auch begrenzte Aussagekraft hat, so bestätigt sie doch, dass Veränderung prinzipiell möglich ist. Gleichzeitig tragen die beschriebenen beratenden oder therapeutische Angebote der Tatsache Rechnung, dass es Menschen gibt, die mit ihrer gleichgeschlechtlichen Orientierung aus unterschiedlichen Gründen nicht zufrieden sind. Je nach Studie kann dies auf 3-26 Prozent der Homosexuellen zutreffen. Eine 2002 von der Universität Zürich durchgeführte Befragung von 600 homo- und bisexuellen Männern ergab sogar, dass nur 30 Prozent ihre sexuelle Orientierung wirklich akzeptieren können. 20 Prozent gaben an, grosse Mühe mit ihrer Ausrichtung zu bekunden.

Solche Menschen können den berechtigten Wunsch haben, sich mit ihrer Homosexualität auseinanderzusetzen, um sie auf irgendeine Weise in ihren Lebenszusammenhang einzuordnen. Diese Auseinandersetzung und die entsprechende Begleitung können aber nur gelingen, wenn Menschen ihre individuelle Homosexualität in ihrer ganzen Komplexität verstehen dürfen. Wenn man Homosexualität hingegen nur noch als „gegeben“ oder, in einem religiösen Kontext, als „Schöpfungsvariante“ verstehen darf, wird man dem Anliegen solcher Menschen nicht gerecht.

Dieser Beitrag erschien am 7. März 2019 in der überregionalen Wochenzeitung „Die Tagespost“.

2019-04-09T16:34:19+00:00 08.03.2019|