„Wir sind auf familiäre Bindung programmiert“

Die Nachfrage nach Fremdbetreuung erhöht sich laufend. Als Gründe nennt das Bundesamt für Statistik mehr Scheidungen, mehr Alleinerziehende und mehr berufstätige Mütter. Für Regula Lehmann, Leiterin „Ehe- und Familienprojekt“ bei der Stiftung Zukunft CH, ist die eigene Familie allerdings nach wie vor der bestmögliche Ort für unsere Kinder.

Von Christof Bauernfeind

Regula Lehmann, Sie sagen: „Bindung macht schlau.“ Erklären Sie uns das bitte.

Unsichere Bindung verursacht Stress. Was sich auf den gesamten Organismus, auf die Immunabwehr, den Kreislauf etc. negativ auswirkt. Im Gehirnbereich des Hippocampus sterben Zellen ab und es schrumpfen Verbindungsmöglichkeiten, wenn der Stresshormonspiegel zu hoch ist. Und das ist laut Studien bei vielen Kleinkindern, die hochprozentig in der Kita betreut werden, der Fall. Sicher gebundene Kinder sind deutlich ausgeglichener und selbstsicherer. Durch den tieferen Cortisolspiegel sind sie ruhiger, können Stress besser bewältigen und haben mehr Energie, um zu lernen und Eindrücke zu verarbeiten. Verschiedene Studien und Beobachtungen zeigen zudem, dass Kinder innerhalb guter Beziehungen lernbereiter und aufnahmefähiger sind. Schulen legen aufgrund dieser Beobachtungen heute viel Wert auf ein gesundes Lernklima und gute Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Schülern. Dass wir uns aufgrund dieser Erkenntnisse auch vom kinderschädigenden Fremdbetreuungs-Hype verabschieden, wäre das Beste, was Kindern und ihren Eltern passieren könnte. Bindung macht schlau. Natürlich.

Sie sprechen sich für die „innerfamiliäre Kinderbetreuung“ aus. Was vermag das familiäre Umfeld zu leisten, das Fremdbetreuung nicht kann?

Familie ist etwas von Anfang an Gegebenes, das nicht ständig neu ausgehandelt werden muss. Wir sind als Menschen schöpfungsgemäss auf familiäre Bindung programmiert. Familie hat naturgegeben einen „Heimvorteil“, wenn es um Nähe, Vertrautheit, Geborgenheit und die Tragfähigkeit von Beziehung geht, und ist deshalb der bestmögliche Ort, um Kinder grosszuziehen.

Auch eine Familie kann dysfunktional sein. Ist sie in allen Fällen besser als eine Fremdbetreuung?

In allen Fällen würde ich nicht sagen. Es gibt Situationen, in denen leibliche Eltern nicht in der Lage sind, ihr Kind angemessen zu versorgen. Diese Fälle zu generalisieren und daraus abzuleiten, Kinder seien generell in der Kita besser aufgehoben als in der Familie, wäre jedoch ein fataler Fehlschluss. Kinder sehnen sich danach, viel Zeit mit ihren leiblichen Eltern zu verbringen. Eltern bestmöglich zu unterstützen und in ihrer Erziehungskompetenz zu fördern, muss, wenn es um das Kindeswohl geht, das erste Anliegen einer gesunden Gesellschaft sein.

Befürworter von Kitas argumentieren, dass der entscheidende Faktor nicht der Ort, sondern die Qualität der Betreuung sei. Eine gute Kita-Betreuung könne mangelhafte elterliche Betreuung sogar ausgleichen.

Diese vielbesungene Qualität kann die einzigartige, leibliche Bindung nicht gleichwertig ersetzen. Dies zeigen die vielen Adoptivkinder, die trotz liebevoller Adoptiv­eltern nach ihren leiblichen Eltern suchen, weil es identitätsstiftend ist, die eigene Herkunft zu kennen und auch biologisch gesehen zugehörig zu sein. Verlässliche und konstante Bezugspersonen zu haben, ist ein kindliches Grundbedürfnis, das von der Familie besser gestillt werden kann als von externen Personen, die nicht in einer familiären, sondern in einer „geschäftlichen“ Beziehung zum Kind stehen.

Dass externe Personen tatsächlich feinfühliger auf Kinder eingehen als leibliche Eltern, wage ich zu bezweifeln – Ausnahmen bestätigen die Regel. In vielen Kitas ist der Wechsel der Bezugspersonen hoch. Kleinkinder, die viel Zeit in der Kita betreut werden, haben nachweislich einen deutlich höheren Stresshormonspiegel. All dies widerspricht der Theorie, dass es Kindern in der Kita besser geht als in der Familie und müsste eigentlich dazu führen, dass wir in Familien investieren, statt einseitig Kitas zu bewerben und zu subventionieren.

Ist die leibliche Mutter unersetzlich?

Die Bindungsforschung zeigt, dass beim Ungeborenen während der Schwangerschaft eine enge Bindung an die leibliche Mutter entsteht. Nach der Geburt wird die mütterliche Stimme allen anderen vorgezogen und das Neugeborene beruhigt sich, wenn es den Herzschlag der Mutter hört. Wir wissen, dass über Stimme und Berührung auch bereits vorgeburtliche Beziehungen zum Kindsvater, zu den Geschwistern und anderen nahen Bezugspersonen geknüpft werden. Und dass bei Vater und Mutter nach der Geburt das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird.

Gilt das auch für den leiblichen Vater?

Selbstverständlich. Was er dem Kind an Wurzeln geben kann, ist einzigartig. Es ist ja sein Erbgut, das im Kind weiterlebt. Diese leibliche Verbindung ist, beispielsweise während der Pubertät, in der es ja um diese Identitäts­fragen geht, ein gewichtiger Faktor.

Lassen sich Berufstätigkeit und Muttersein im Kleinkindalter aus Ihrer Sicht also nicht vereinen?

Ich meine, dass sie sich nur schwer vereinen lassen. Weil das Kleinkind noch kein Zeitverständnis hat, erlebt es einen Tag Fremdbetreuung als unendlich lange Trennung und es besteht die Gefahr, dass Verlustängste entstehen. Idealerweise sollten Eltern von Kleinkindern höchstens halbtags arbeiten gehen und sich in der Betreuung, wo immer möglich, abwechseln. Ist dies nicht möglich, sollten Grosseltern oder andere konstante Betreuungspersonen eingesetzt werden.

Studien haben gemäss Kita-Befürwortern ergeben, dass berufstätige Mütter aufgrund ihrer höheren Selbstzufriedenheit das Befinden des Kindes sogar positiv beeinflussen.

Ich halte es für möglich, dass sich eine niedrigprozentige und den Bedürfnissen der Kinder angepasste Berufstätigkeit von Müttern je nach Typ positiv auswirken kann, weil sie einen gewissen Ausgleich darstellt. Mütter, die zwischen 50 und 100 Prozent arbeiten gehen, erlebe ich hingegen eher als gestresst, überfordert und frustriert. Wer Kinder hat, möchte natürlicherweise auch Zeit mit ihnen verbringen. Hier sehe ich das Problem eher in den gesellschaftlichen Vorgaben, die Vollzeit-Müttern das Gefühl geben, dass sie ihre Talente verschwenden, wenn sie sich voll der Kinderbetreuung widmen.

Stellen Sie durch die vermehrte Fremdbetreuung von Kindern in Kitas auch eine vermehrte Bindungsstörung fest?

Ich gehe davon aus, dass die feststellbare Zunahme von Kindern, die bereits im Kindergarten ein auffälliges Verhalten zeigen, auch mit der mangelnden Präsenz von Eltern zu tun hat. Es gibt im nahen Ausland verschiedene Studien und Untersuchungen dazu, wie sich fehlende Bindung auf die kindliche Entwicklung auswirkt. Beispielsweise die Ausführungen von Professor Manfred Spreng oder Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch. Vor allem weibliche Krippenkinder zeigten laut Manfred Spreng bei Studien aus nordischen Ländern (Norwegen, Schweden, Finnland) deutlich mehr Infektionen, Kopfschmerzen, Neurodermitis, ADHS, geringere Sozial­kompetenz und Kooperationsfähigkeit, mehr Aggressionen, Depressionen und konflikthaftes Verhalten. In der Schweiz weist beispielsweise der Bindungsforscher Gordon Neufeld auf die Wichtigkeit sicherer Bindung hin. Leider verschwinden viele dieser Studien in einer Schublade oder werden von Lobbyisten der ausserfamiliären Betreuung stillschweigend ignoriert.

Gäbe es Alternativen zur Kita, zum Beispiel Tagesmütter?

Grundsätzlich ist eine gute Tagesmutter die stressfreiere Alternative zur Krippe. Dies bedingt jedoch, dass sich die leiblichen Eltern nicht in Konkurrenz zur Tagesmutter sehen. Diese baut durch die Konstanz ja ebenfalls eine enge Beziehung zum Kind auf. Das Kind kann durchaus verschiedene Bindungen eingehen. Wenn es sich extern bindet, erlebt es natürlich auch Bindungsabbrüche. Das gehört zum Leben. Die Tagesmutter kann wegziehen, die Zugehörigkeit zur Familie bleibt. Wenn ein Kind ­eine bis zwei sichere Bindungen hat, ist es resilienter und kann deutlich besser mit Bindungsabbrüchen im Umfeld umgehen. Vieles spricht dafür, dass Grosseltern in der Betreuung mithelfen, weil das ebenfalls gewachsene Beziehungen sind, die nicht einfach kündbar sind. Und es stellt sich die Frage, wie wir unseren Alltag gestalten; befreundete Eltern könnten sich gegenseitig die Kinder hüten. Oder in alternative Lebensformen wie beispielsweise Mehrgenerationenhäuser investieren.

Wo sehen Sie den Staat in der Pflicht?

Für mich müsste ein Staat, der die Betreuung von Kindern fördern will, die Eltern frei wählen lassen, wie sie ihre Kinder betreuen wollen. Das Geld, das jetzt der Fremdbetreuung in Kitas zugesprochen wird, sollte also an alle gleichermassen verteilt werden. Dies würde es vielen Eltern erlauben, sich mehrheitlich selber um ihren Nachwuchs zu kümmern. Damit Kinder zu vertrauensvollen und gesunden Menschen heranwachsen. Bindung macht schlau. Natürlich!

Vielen Dank für das Gespräch.

Quelle: Idea Spektrum

 

2017-12-11T20:51:15+00:00 25.11.2017|