Erziehungstipp: Stärke statt Macht

Mutieren Eltern zu hilflosen Wesen, wenn sie auf den Einsatz von manipulierender „Macht“ verzichten? Keineswegs! Haim Omer, jüdischer Pädagoge und Autor, führt Eltern in mehreren Büchern in das „Geheimnis Präsenz“ ein. Wo immer in der Familie Konflikte entstehen, liegt der Schlüssel zur Veränderung darin, als Eltern mehr Präsenz zu zeigen. Näher kommen, zugewandt sein und bleiben.

Von Regula Lehmann

Kinder und Teenager brauchen präsente Erwachsene, die ihnen zeigen: „Du bist mir nicht egal. Ich werde dich nicht dir selber überlassen. Ich bin für dich da. Ich bleibe, auch wenn dir das vielleicht gerade nicht in den Kram passt. Wir gehören zusammen. Wir stehen das gemeinsam durch.“ (Was jedoch nicht bedeutet, alles für das Kind zu erledigen!)

„Erziehung gelingt nur aus der Nähe“, kommentierte ein erfahrener Pädagoge einen meiner ziemlich wirkungslosen Erziehungsversuche. Das sass! Ich bemühte mich von da an, nicht über den Spielplatz oder aus dem Fenster heraus Befehle zu brüllen, sondern zum betreffenden Kind hinzugehen. Augenkontakt oder Körperkontakt herzustellen. Zu flüstern statt laut zu werden. Was langfristig durchaus Erfolg zeigte. Näher hinzugehen – auch da, wo wir uns lieber abwenden möchten – ist ein echter Geheimtipp. Zuwendung schafft Sicherheit und erleichtert dem Kind den Ausstieg aus seinem destruktiven Verhalten. Wenden wir uns ab, und sei es auch nur innerlich, fühlt sich das Kind alleingelassen. Was die Angst und den Druck, in denen das Kind sich häufig gefangen fühlt, noch  verstärkt.

Im Zimmer unseres Zwölfjährigen stehen bleiben, bis der Computer wie vereinbart heruntergefahren ist. Sich ruhig mit der Zeitung in die Küche  setzen, bis das Kind seinen Küchendienst erledigt hat. Sich mitten im „Kinder-Gewusel“ ruhig auf dem Boden niederlassen und  puzzeln.  Wäsche falten, während das Kind schwierige Hausaufgaben erledigt… Es gibt nichts Beruhigenderes.

Präsenz erfordert innere Stärke. Es mag sich wie ein Gang in die „Höhle des Löwen“ anfühlen, wenn wir uns – wie Haim Omer dies bei schwer führbaren Teenagern empfiehlt – fünf Minuten lang still ins Zimmer unserer Heranwachsenden setzen. „Da Sein“ ist oft schwieriger als Schimpfen oder Belehren. Und weit effektiver.

Buchtipp: Haim Omer u. Philip Streit (2016), Neue Autorität: Das Geheimnis starker Eltern.

2017-10-24T07:59:23+00:00 16.09.2017|