Boy Erased – Der verlorene Sohn

Keine hasserfüllte Abrechnung, aber dennoch eine klare Botschaft: Jeder Versuch, sexuelle Anziehung zu verändern, sei schlecht und könne nur scheitern. Ein Pauschalurteil, das der Realität nicht gerecht wird und die Freiheit von Menschen, die um ihre Identität ringen, einzuschränken droht.

Von Regula Lehmann

«Die Wahrheit kann nicht bekehrt werden», lautet die Überschrift des Filmplakates. «Boy Erased» ist in erster Linie ein Appell für die Akzeptanz sexueller Vielfalt. In starken Bildern wird die autobiografische Geschichte des 19-jährigen Pastorensohns Jared Eamons (Lucas Hedges) erzählt, der sich von Männern angezogen fühlt und dadurch in massive innere Konflikte gerät. Als er von einem Mitstudenten missbraucht wird, erfahren Jareds Eltern, was ihr Sohn bisher nicht mitzuteilen wagte. Für das in den Südstaaten der USA tätige Pastorenehepaar bricht eine Welt zusammen. Jareds Vater (Russell Crowe) beschliesst, dass sein Sohn sich bei der Einrichtung «Love in Action» einer «Konversionstherapie» unterziehen soll. Jareds Mutter Nancy (überzeugend gespielt von Nicole Kidman) fügt sich den Wünschen ihres Mannes und begleitet ihren Sohn an den Therapieort. Was dort der Therapeut Viktor Sykes (Joel Edgerton, gleichzeitig Drehbuchautor und Regisseur) mit den Teilnehmern macht, schockiert und ist in unserem Kontext kaum nachvollziehbar. Fragwürdige theologische Konzepte, Demütigungen, Manipulation und massiver psychischer Druck dominieren die Szenen. Als Nancy Eamons die Kursunterlagen von «Love in Action» studiert, stellen sich nagende Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung ein.

«Boy Erased» ist ein bewegender und informativer Film für Erwachsene, die sich mit dem Thema «gleichgeschlechtliche Anziehung» und den Überzeugungen und Zielen der LGBTQ-Bewegung auseinandersetzen wollen. Obwohl er keine explizit sexuellen Bilder zeigt und bereits ab 12 Jahren freigegeben ist, halte ich den Film für «nicht teenagergeeignet». Die in den Therapieszenen dargestellte psychische Gewalt ist massiv und die vermittelte Botschaft aus meiner Sicht für Heranwachsende zu «festlegend». Sexuelle Orientierung ist insbesondere im Jugendalter starken Veränderungen unterworfen. Jugendliche zwischen 17 und 22 Jahren entwickeln sich laut vielen Untersuchungen 25 Mal häufiger von einer homosexuellen zu einer heterosexuellen Orientierung als umgekehrt.

Obwohl «Boy Erased» keine hasserfüllte Abrechnung darstellt, sind die darin enthaltenen Wertungen eindeutig: Sie stehen der biblischen Sicht zum Thema Homosexualität entgegen. Jareds Vater liebt seinen Sohn aufrichtig. Weil er homosexuelle Praxis jedoch, im Gegensatz zu seiner Frau, nicht mit seinem Glauben an den Gott der Bibel vereinbaren kann, geht er als «uneinsichtiger Verlierer» vom Set. Im Werbematerial zum Film wird beklagt, dass es in vielen amerikanischen Bundesstaaten, ebenso wie in der Schweiz und in Deutschland, kein Gesetz gegen «Konversionstherapien» gibt. Ein undifferenziertes Verbot von Angeboten, die auf Veränderung ausgerichtet sind, würde das Kind jedoch mit dem Bade ausschütten. Die im Film gezeigten Zwangsmassnahmen sind – zu Recht – in unseren Ländern bereits heute nicht zulässig. Jedoch sollen Menschen, die sich im Bereich ihrer sexuellen Orientierung Veränderung wünschen, weiterhin die Freiheit haben, eine ihnen entsprechende Beratung aufzusuchen. Alles andere wäre bevormundend.

Erstveröffentlichung in ethos 3/2019, www.ethos.ch

Hinweise zu wissenschaftlichen Befunden zur Veränderbarkeit der sexuellen Orientierung finden Sie im Artikel: Sexuelle Orientierung – Und wenn sie doch veränderbar ist?

2019-08-14T14:55:57+00:00 01.03.2019|