Welche Bildung macht fit für die Arbeit der Zukunft?

Der in der öffentlichen Debatte gebrauchte Begriff der Bildung ist äusserst unscharf. Der Begriff droht, wie der Wiener Konrad Paul Liessmann in der NZZ vom 16. Oktober 2017 ausführte,  zu einer leeren Hülle zu verkommen, die von jedem nach Belieben und je nach (wirtschafts-)politischer Interessenlage gefüllt werden kann. Auch ist es mehr als fraglich, ob Digitalisierung und Kompetenzorientierung der Bildung auf Kosten von Wissensvermittlung tatsächlich fit machen für die Arbeitsplätze der Zukunft?

Bildung hat laut Liessmann mit der Entwicklung von Persönlichkeiten zu tun – und mit der Vermittlung der geistigen Fundamente, auf denen unsere Zivilisation aufbaut. Bildung sei „Begabung zum Menschsein“, „Anleitung zur Mündigkeit“. Doch diese grundlegende Bedeutung von Bildung scheint im gegenwärtigen Diskurs über Bildung aus dem Blick geraten zu sein.

Welche Bildung?

„Ob man Kindergärten als Bildungseinrichtungen verstehen soll, auf welchem Platz ein Land beim Pisa-Test landet, wozu die Umstellung des Unterrichts auf die Kompetenzorientierung führt, wie Bildungsdefizite von Migranten und sozial diskriminierten Menschen ausgeglichen werden können, welche Bildung für die Arbeitsplätze der Zukunft fit macht, wie man Begabungsreserven entdeckt und abschöpft, ob in der Digitalisierung der Bildung und der Ausstattung von Schulen mit Tablets das Heil zu suchen ist, ob die Rolle des Lehrers sich wandelt und in Zukunft Lernbegleiter, Coachs und Sozialexperten das Bildungsgeschehen dominieren werden, ob es überhaupt notwendig ist, im Informationszeitalter noch Wissen zu vermitteln – all diese Fragen (…) beschäftigen die Menschen in immer höherem Masse.“

Diese vielfältigen Fragen zeigten, so Liessmann, wie sehr der Begriff der Bildung höchst unscharf geworden sei und es keine Einigkeit hinsichtlich seiner Bedeutung mehr gäbe: Qualifikation, Kompetenztraining, Persönlichkeitsbildung, Orientierungsfähigkeit, Befähigung zur politischen Partizipation, Schulung von Verantwortung, Vermittlung von Werten oder doch auch noch Wissenserwerb? Liessmann konstatiert: „Bildung ist eine leere Begriffshülle geworden, die von jedem nach Belieben und je nach politischer oder ökonomischer Interessenlage gefüllt werden kann. Eine Besinnung auf die grundlegenden Bedeutungen von Bildung, ihre Ansprüche, aber auch ihre Grenzen täte dringend not.“

Kompetenzen sind nur Mittel

Durch die Wende zur Kompetenzorientierung und die Hoffnung, dass die Digitalisierung schon alle sozialen und didaktischen Probleme des Unterrichts lösen werde, seien all jene Dimensionen gekappt worden, die zur Idee einer allgemeinen Menschenbildung gehörten: „Zu dieser gehört nicht nur die Beherrschung der grundlegenden Kulturtechniken – die selbst noch gar keine Bildung, sondern eine ihrer Voraussetzungen darstellt –, sondern auch jene grundlegenden Kenntnisse und Fähigkeiten, auf die manche Bildungsreformer gerne verzichten möchten. All das, was lange den Kern allgemeiner Bildung ausmachte – Fremdsprachenkenntnisse, historisches Wissen, literarische und ästhetische Kenntnisse und Fähigkeiten, kulturelles und religiöses Wissen –, spielt bei Pisa keine Rolle.“

Abgesehen davon, dass Bildung nie eindimensional auf die Erfordernisse der Ökonomie bezogen werden dürfe, macht laut Liessmann der Ansatz der Kompetenzorientierung und Digitalisierung auch nicht fit für die Arbeitsplätze der Zukunft. Kompetenzen können laut Liessmann nicht Ziel von Bildung, sondern nur Mittel dazu sein, „um sich ebenjene Kenntnisse anzueignen und mit jenen Fragen auseinanderzusetzen, die unsere Kultur in all ihren Spannungen charakterisieren und in Zukunft bestimmen werden.“

Der Anspruch des Inhalts

„Digitalisierung bedeutet, alles zu automatisieren, was automatisiert werden kann, alles zu vernetzen, was vernetzt werden kann.“ Wohl würden, so Liessmann, für die Pflege dieser Technologien immer eine Handvoll Techniker und Experten gebraucht werden. Auf den Arbeitsmärkten der Zukunft werden laut Liessmann aber jene jungen Menschen die besten Chancen haben, „die Kenntnisse und Fähigkeiten aufweisen, die entweder nicht digitalisiert werden können oder die Digitalisierung kritisch und reflektierend begleiten. Ein avanciertes Konzept der klassischen Bildung wäre dazu nicht der schlechteste Ansatz.“

„Bildung hat mit der Entwicklung von Persönlichkeiten zu tun, sie hat mit der Vermittlung jener geistigen Fundamente zu tun, auf denen unsere Zivilisation aufbaut, und sie hat mit jenen Kenntnissen, Techniken und Fähigkeiten zu tun, die schlechterdings notwendig sind, um sich in dieser Gesellschaft zu orientieren und sich als selbstbewusster und mündiger Bürger zu behaupten.“ Liessmann plädiert dafür, dass an Schulen wieder Wissen abgeprüft wird – „und zwar nicht, um irgendwelchen Test- oder Kompetenzüberprüfungs-Kriterien zu genügen, sondern weil es die Logik einer Sache, der Anspruch eines Inhalts, die Struktur eines Gegenstandes verlangen.“