„Transkinder“: Und wo bleiben die Gegenstimmen?

Eine Lawine an Medienberichten über das Thema „Transkinder“ rollt seit Anfang November über die Schweiz. Doch wie steht es um die Ausgewogenheit dieser Artikel? Eine Medienkritik anhand von fünf Zeitungsberichten.

Von Ralph Toscan, Öffentlichkeitsarbeit Zukunft CH

Die öffentliche Diskussion zum Thema „Transkinder“ hat in der Schweiz gerade erst begonnen – falls hier von einer Diskussion überhaupt die Rede sein kann. Vielmehr wird in den Spalten sämtlicher Zeitungen die gleiche Sicht der Dinge verbreitet. Dabei ist die These vom „Transkind“, das angeblich von klein auf die unhinterfragbare Gewissheit habe, im falschen Körper geboren zu sein, gesellschaftlich ebenso wie wissenschaftlich stark umstritten. Von einer ausgewogenen, kontroversen Darstellung des Themas „Transkinder“ – wie sie eigentlich zu erwarten wäre – fehlt bisher jede Spur.

„Transkinder“ in den Tageszeitungen

Die Zeitung „Der Bund“ publizierte am 1. November gleich zwei Artikel zum Thema „Transkinder“:

Beide Artikel erzählen die Geschichte eines „Transkindes“. Als Experten kommen –­ wie aus den Zitaten deutlich erkennbar ist – Verfechter der Gender-Ideologie zu Wort. Gegenstimmen fehlen komplett. Selbst wissenschaftliche Einwände wie die Risiken und Nebenwirkungen von Hormonbehandlungen oder auch das Faktum, dass Studien zufolge 80 bis 95 Prozent  der Kinder und Jugendlichen von ihrem Wunsch, dem entgegengesetzten Geschlecht angehören zu wollen, im Laufe der Pubertät wieder abkommen, werden nicht angesprochen. Die „Lobbyorganisation Transgender Network Switzerland (TGNS)“ hingegen bekommt reichlich Platz, ihre ideologische Interpretation des Phänomens „Trans“ darzulegen.

Am 3. November zog  die „Berner Zeitung“ nach und publizierte ihrerseits einen Artikel mit der Geschichte eines „Transkindes“:

Auch in diesem Artikel wurde „Transgender Network Switzerland“ erwähnt. Gegenstimmen und kritische Aspekte fehlten auch hier vollständig.

Ähnliches Bild in den Sonntagszeitungen

Am 5. November griffen die „NZZ am Sonntag“ und der „Sonntagsblick“ das Thema auf, das „Der Bund“ am 1. November angestossen hatte:

 

 

Gerade bei den Sonntagszeitungen spielt die Exklusivität gewöhnlich eine sehr grosse Rolle. Das bedeutet, dass ähnliche Storys idealerweise nicht gleichzeitig in unterschiedlichen Publikationen erscheinen sollten. So fragte das Online-Portal „persoenlich.com“ erst kürzlich mit Bezug zu einer NoBillag-Story: „Wie kommt es eigentlich, dass gleich zwei Sonntagsblätter am gleichen Wochenende eine fast identische Geschichte bringen?“  Diese Frage darf man sich aber auch beim Thema „Transkinder“ stellen. Wieso bringen zwei miteinander konkurrierende Sonntagszeitungen dasselbe Thema – ähnlich aufgemacht und jeweils ohne Gegenstimme oder kritische Betrachtung der Therapieform – zum selben Zeitpunkt?

Die Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Frau Dr. Dagmar Pauli, wird in beiden Berichten zitiert bzw. interviewt. Auch wird in beiden Artikeln die „Lobbyorganisation Transgender Network Switzerland“ beworben, wie schon in den Storys der beiden Berner Zeitungen.

Weitere Gemeinsamkeiten: Auch in den Sonntagszeitungen werden Risiken und Nebenwirkungen der Hormonbehandlungen nicht thematisiert. In all diesen Texten klingt es, als ob man bei den Kindern die normale Entwicklung der Pubertät einfach mal mit hormonellen Pubertätsblockaden „pausieren“ lassen könne, ohne dabei Risiken einzugehen. Die Präsidentin des „American College of Pediatricians“, Dr. Michelle Cretella widerspricht der wissenschaftlich nicht fundierten Behauptung, Pubertätsblockaden seien ohne Risiko, entschieden:  Diese verhindern nicht nur die Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale, sondern verringern auch das Knochenmarkwachstum und die Knochendichte. Auch blockierten sie die von den Geschlechtshormonen abhängige Organisation und Reifung des adoleszenten Gehirns. Und schliesslich gäbe es kaum Langzeitstudien zu den Auswirkungen solcher Hormonblocker.

Bleibt der Wunsch des Kindes, einem anderen Geschlecht anzugehören, unter der Wirkung der Pubertätsblocker konstant, werden nach der neuen, unkritisch dargestellten Behandlungsweise gegengeschlechtliche Hormone verabreicht. Was man dazu wissen muss: Die Folgen dieser massiven Hormongaben sind irreversibel und führen zur Unfruchtbarkeit der Betroffenen. Auch müssen solche Hormone im Falle eines Entscheids für das andere Geschlecht ein Leben lang eingenommen werden.

Was, wenn das Kind im Erwachsenenalter diese Entscheidung bereut? Können Kinder die Konsequenzen dieser Behandlung überhaupt schon abschätzen? In vielen anderen Bereichen dürfen solch schwerwiegende Entscheidungen von Kindern noch gar nicht gefällt werden. Warum gerade hier, wo die Folgen irreparabel sind? Erschreckenderweise wurden diese für die Zukunft von „Transkindern“ zentralen Aspekte in allen erwähnten Berichten nicht thematisiert.

Die mediale Darstellung des Themas ist, so das Fazit, einseitig und lückenhaft. Kritik an den Behandlungsmethoden fehlt, Risiken und Nebenwirkungen werden nicht thematisiert. Und das, obwohl das Phänomen „Transkinder“ weltweit wissenschaftlich äusserst kontrovers diskutiert wird.

Wo bleiben die Gegenstimmen, die zu diesem Thema dringend gefragt wären?