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Werte und Gesellschaft

 
 
 

03.05.2016

Therapieverbot für Homosexualität: „Soll der Staat über unser affektives Leben entscheiden?“

Interview mit Rolf Rietmann, wuestenstromCH


(Quelle: www.wuestenstrom.ch)

Nationalrätin Rosmarie Quadranti will beim Bundesrat ein strafrechtliches Verbot für „Therapien zur ‚Heilung‘ von Homosexualität bei Minderjährigen“ erwirken. Die Zürcher BDP-Exponentin hält, wie sie in ihrer Interpellation schreibt, das Angeborensein der homosexuellen Neigung für wissenschaftlich erwiesen. Therapien zur Veränderung der sexuellen Orientierung könnten folglich nicht erfolgreich sein, sondern würden im Gegenteil „bei den Betroffenen unendliches Leid bis hin zu Suizidabsichten/Suizid auslösen“. Quadranti fragt in ihrem Vorstoss, ob Therapien für Homosexuelle bereits heute den Straftatbestand der Nötigung erfüllen und was der Bundesrat unternehmen will, um Anbieter solcher Therapien – Seelsorger genauso wie Psychologen – zu bestrafen? Dominik Lusser von Zukunft CH hat den therapeutischen Berater Rolf Rietmann von der christlichen Organisation wuestenstromCH zum Gespräch über die Interpellation und das Phänomen Homosexualität getroffen.

Zukunft CH: Erfüllen Ihre Therapieangebote für Jugendlichen den Straftatbestand der Nötigung?

Rolf Rietmann: Ich lege grossem Wert auf eigene Entscheidungen. So ist z.B. das ganze Anmeldeprozedere so aufgebaut, dass ein Ratsuchender sich nach einem ersten Gespräch gar nicht sofort für eine Beratung entscheiden kann. Er darf ausserdem jederzeit die Beratung abbrechen. Ich überrede niemanden zu irgendwas. Allfälliger Druck von Eltern, von der Schwulenlobby oder sonstige Stimmen von aussen müssen angesprochen werden. Ausserdem kann sich ein Mensch sowieso nur aus Eigenmotivation heraus verändern. In 15 Jahren Beratung habe ich übrigens höchstens fünf Jugendliche unter 18 Jahren begleitet.

Zukunft CH: Sie halten also den Personen, die zu Ihnen kommen, den Rücken frei?

Rolf Rietmann: Ich setze mich dafür ein, dass der Ratsuchende seine Entscheidungen vor niemandem zu rechtfertigen braucht. Unserer Meinung nach hat jeder Betroffene das Recht, seine therapeutischen Ziele unabhängig von Ideologie zu verfolgen. Jede Form von Anpassung oder Autoritätsgläubigkeit im Verlaufe des Beratungsprozesses bespreche ich mit dem Ratsuchenden. Nicht wenige von ihnen sind ziemlich frustriert, dass ich die Gesprächsthemen in der Regel nicht vorgebe. In der Beratung soll ja der Ratsuchende gerade lernen, bei sich selbst zu bleiben und seine eigenen Themen zu finden.

Zukunft CH: Das klingt sehr liberal, gar nicht nach Nötigung?

Rolf Rietmann: Ich habe zur Homosexualität eine klare Haltung, die ich wissenschaftlich begründen kann. Das finde ich sehr wichtig. Aber ich muss diese Meinung nicht aufdrängen. Ich kann die Frage auch umdrehen: Beinhaltet nicht Frau Quadrantis Forderung eine Nötigung im Sinne einer Einschränkung der Entscheidungsfreiheit? Entsteht nicht gerade hier eine ideologische Engsicht? Will die Interpellation nicht alle Eltern, Berater und Betroffene entmündigen, da dann nur noch die Sicht des Staates die Therapie bestimmt? Ich kenne viele – auch viele fromme – Teenager, die sehr wohl sehr deutlich sagen können, was sie wollen und was nicht. Und wenn wir den AZ-Artikel „Wenn ‚Heiler‘ Schwule ‚umpolen‘“ vom 13. März 2016 anschauen: Kann der dort dargestellte tragische Einzelfall für alle Beratungen, Betroffenen und Berater sprechen? Wenn wir ernsthaft prüfen wollten, was es mit der langen Anpassungsleistung dieses jungen Mannes (zwischen dem 16. und 26. Lebensjahr!) auf sich hat, müssten wir auch die Sicht des Therapeuten kennen. Doch die Zeitungen enthalten uns den Blick des Gegenübers von solchen Betroffenen ständig vor. Einzelne Berichte werden medial als verbreitetes Phänomen hochgeschaukelt.

Zukunft CH: Der Vorstoss von Quadranti ist also antifreiheitlich?

Rolf Rietmann: In Deutschland hat der umstrittene Grünen-Politiker Volker Beck, der eine ähnliche Anfrage im Deutschen Bundestag gestellt hat, ziemlich unverblümt gesagt, dass das Therapieverbot für Minderjährige nur der erste Schritt zu einem generellen Therapieverbot sein soll. Der Vorstoss ist übrigens vom Bundestag abgelehnt worden. Es seien zu fundamentale Eingriffe in die Glaubens- und Meinungsfreiheit, die Therapiefreiheit und die Elternrechte damit verbunden. Auch Quadrantis Vorstoss hat totalitäre und antiliberale Züge. Mit Antidiskriminierung hat das rein gar nichts zu tun.

Die vor wenigen Tagen vorgestellte Erhebung „Diskriminierung in Deutschland“ der Antidiskriminierungsstelle des Bundes stellt fest: „Eine Analyse für das Diskriminierungsmerkmal der sexuellen Orientierung ist leider nicht möglich, da die Zahl der Personen, die angegeben haben, homosexuell oder bisexuell zu sein, in der Repräsentativbefragung zu gering ist, um verlässliche Aussagen treffen zu können”. Und das, obwohl man den rechnerischen Trick angewendet hat, die Homo- und Bisexuellen zusammenzuzählen. Wie wenig Diskriminierung die Betroffenen erfahren, wird dadurch umso deutlicher, dass der Lesben- und Schwulenverband LSVG gezielt zur Teilnahme an der Umfrage aufgerufen hatte.

Zukunft CH: Gibt es auch problematische therapeutische Angebote? Etwa das „Freibeten“?

Rolf Rietmann: Es gibt in diesem Land allerlei problematische (therapeutische) Angebote. Das ist der Preis einer freiheitlichen Gesellschaft. Einige möchten diese Freiheit einschränken. Auch hier kann ich nur für mich sprechen. Ich lasse nur kurz anklingen, was ich in unserem Rundbrief (Juni/15, den man bei uns bestellen kann) ausführlich beschrieben habe. Wuestenstrom hat in Deutschland und der Schweiz schon mit sehr vielen Veränderungswilligen zu tun gehabt. Wir kennen keinen Einzigen, der durch Gebet nachhaltig von seinen schwulen Gefühlen befreit wurde. Auch wir hören immer nur Gerüchte und würden uns sehr über ein Gespräch mit solchen Leuten freuen. Viele Menschen möchten Gott als Lösungsautomaten haben, nach dem Motto: Lieber Gott, ich habe ein Problem. Nimm es weg! Punkt.

Zukunft CH: Welche Rolle spielt denn dann das Gebet bei Ihnen?

Rolf Rietmann: Bei uns spielt das Gebet eine ergänzende, nicht zwingend notwendige Rolle. Ich hatte auch schon Moslems in der Beratung. Gebet kann in eine tiefere Beziehung zu Gott führen. Das ist das Zentrale des Glaubens und auch die Chance, dass dieser einen therapeutischen Prozess positiv beeinflussen kann. Homosexuelle Empfindungen – ja was ist denn das überhaupt? ¬– sind sicher nicht etwas, wogegen ich beten kann. Habe ich aber meinen inneren psychischen Konflikt verstanden, hat das Gebet eine grosse Kraft, wenn es mich näher in die Beziehung zu Gott führt. Bei Fragen der (sexuellen) Identität ist es eben oft gerade die Beziehung, die heilend wirkt. Ein solches Gebet hat Kraft! Aber ein direktes Arbeiten an der Sexualität ¬– sei es durch Gebet oder sonst wie – kann nicht funktionieren. Mag schon sein, dass das noch nicht alle verstanden haben.

Zukunft CH: Ist Homosexualität angeboren?

Rolf Rietmann: Die Ursache von Homosexualität kennen wir nicht genau. Und das ist für den Veränderungsprozess auch nicht sehr wichtig. Die Wissenschaft weiss schon lange, dass es das Schwulen-Gen so nicht gibt. Dessen Existenz hat nicht einmal Dean Hamer, der Entdecker eines sogenannten Schwulen-Gens („Das unausweichliche Erbe“) so behauptet. In seinem zweiten Buch „Das Gottes-Gen“ hat er zusätzliche relativiert. Das Schwulen-Gen als Erklärung für Homosexualität wurde lediglich in den Medien so aufgebaut. Offensichtlich lässt sich damit auch heute noch gut und billig Politik machen und Täter und Opfer generieren. Die American Psychiatric Association liess hingegen vor drei Jahren verlauten, es gäbe keine bestätigten wissenschaftliche Studien, die irgendeine bestimmte biologische Ursache für Homosexualität nachweisen können. Neuere Zwillingsstudien (Bailey et al, Australien: 2000; Bearman and Brueckner, USA: 2002) besagen: Wenn ein eineiiger Zwilling homosexuell ist, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der andere Zwilling es auch ist, für Männer bei lediglich elf und für Frauen bei nur 14 Prozent.

Zukunft CH: Haben Gene überhaupt keinen Einfluss auf die Entstehung homosexueller Gefühle?

Rolf Rietmann: Gene haben schon einen Einfluss. Hier, wie in vielen anderen Bereichen, aber auch nur beschränkt. Ich glaube, dass Menschen ihr Leben gestalten können und müssen. Ich postuliere, dass wir Verantwortung nur sehr beschränkt an unsere Gene delegieren können und sollten. Damit verbunden ist auch die Frage, wie viel Opfer ich sein muss bzw. will.

Zukunft CH: Dann ist die Rede von der homosexuellen Identität Unsinn?

Rolf Rietmann: Es ist ein Phänomen, wie sich „die schwule Identität“ so allgegenwärtig verbreiten konnte. Ich habe in einem Interview vor über sechs Jahren auf die Frage, wie Gott über Schwule und Lesben denke, geantwortet: „Gott kennt keine Schwulen und Lesben. Er kennt Männer und Frauen.“ Derzeit versuche ich in einem Artikel diese Identitätszuschreibung als leere Worthülse zu entlarven. Ich habe da einige gewichtige Mitstreiter gefunden. Inspiriert wurde ich massgeblich vom Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt, der in seinem Artikel „Gibt es Heterosexualität?“ diese Festlegung hinterfragt.

Die französische Sexologin Thérèse Hargot sagte im April 2016 gegenüber der Westschweizer Zeitung „Le Temps“, dass die homosexuelle Identität nur eine ideologische Konstruktion darstellt. Ich finde ihre Ausführungen treffend. Hargot zufolge sollten wir von Homosexualität als von etwas sprechen, das man hat; und nicht von etwas, das man ist. Damit verhindern wir eine definitive Festlegung der Jugendlichen auf die Homosexualität als vermeintliche Identität. Hargot sagt wörtlich: „Die Sexualität ist nur eine Facette der Persönlichkeit, die sich eben nicht auf die Sexualität reduzieren lässt. Die Obsession der sexuellen Identität ist heute extrem stark. Ich begegnete gar einer Teenagerin, die glaubte, eine ‚Zoophile‘ zu sein, nur weil sie mal einen Ausbruch von Zuneigung zu ihrem Hund empfand.“

Zukunft CH: Warum dann dieses Pochen auf die Homo-Identität?

Rolf Rietmann: Für Hargot ist klar, dass die LGBT-Community das Bedürfnis nach einer starken Identität hat, um ihre Rechte einzufordern. Aber diese politische Strategie sagt ihrer Meinung nach nichts über die psychisch und physiologisch komplexe Situation all dieser Jugendlichen aus, die in die Falle dieser falschen Festlegung tappen. Mit solchen Begriffen machen wir uns vor, wir wüssten, was mit „Schwuler“, „Lesbe“ oder „Homosexueller“ usw. gemeint ist, was es alles umfasst und erfinden munter viele weitere Identitäten. Dabei vergessen wir, dass wir die grosse Mehrheit auch nicht als „Heterosexuelle“ bezeichnen, es sei denn zur Abgrenzung gegenüber der Homo- oder Bisexualität. Mit solchen Begriffen geschieht automatisch eine Reduktion des Menschen auf seine Sexualität, auch wenn sich die Homo-Lobby selbst auch lautstark von solchen Reduktionen distanziert.

Zukunft CH: Seit wann redet man von Homosexualität als Identität?

Rolf Rietmann: Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es diesen Identitätsbegriff nicht. Im preussischen „Allgemeinen Landrecht“ von 1721 taucht der Begriff „Sodomiterey“ auf, das alte Wort für homosexuelle Handlungen. Aber das ist alles andere als präzise. Zur „Sodomiterey“ zählten auch Sex mit Tieren, Selbstbefriedigung (!) und eben auch Homosexualität, aber nur zwischen Männern. Auch die Bibel definiert an keiner Stelle eine schwule Identität. Es ist sowohl im alten wie im neuen Testament nur von homosexuellen Handlungen die Rede. Das änderte sich erst am Ende des 18. Jahrhunderts durch Karl-Maria Kertbeny, der den Begriff „Homosexualität“ einführte und damit die schwule Identität begründete.

Zukunft CH: Aber es gibt doch in der Adoleszenz so etwas wie eine homosexuelle Phase, die viele Jugendliche durchmachen?

Rolf Rietmann: Hier gibt es zwei sehr aufschlussreiche Studien. Die eine ist vom Kinderarzt Gary Remafedi (1992). Von 35’000 Jugendlichen, die sein Team befragte, empfanden sich mit 12 Jahren 25,9 Prozent hinsichtlich ihrer sexuellen Orientierung unsicher. Mit 18 Jahren waren es gerade noch 5 Prozent. Die Studie von Savin-Williams/Ream (2007) kam zum Ergebnis: Wenn sich mit 17 Jahren zehn Jugendliche als schwul bezeichnen, dann sind es mit 22 Jahren gerade noch zwei. Und das ohne Therapie! An der zweiten Studie war übrigens ein Forscher beteiligt, der sich selbst als homosexuell bezeichnet.

Aber gerade in diesem Alter setzt nun die Interpellation Quadranti an und will allen, ausser der Homo-Lobby, einen Maulkorb verpassen. Gleichzeitig wird in der schulischen Sexualkunde die schwule „Identität“ propagiert. Ich sage schon seit über zehn Jahren, dass man unter gewissen Umständen jungen Menschen eine homosexuelle „Identität“ aufdrücken kann. Ein Therapieverbot ist in diesem Alter besonders heikel, weil jetzt per Staatseingriff nur noch in eine Richtung gedacht, gefördert und gehandelt werden soll. Sexualität ist gestaltbar, veränderbar – mindestens bis zu einem gewissen Grad. Das gilt erst recht bei Teenagern, die gerade ihre Identität bilden. Ein Coming-out ist ein massiver Festlegungsprozess.

Zukunft CH: Dann sind also die Sorgen von Eltern über eine Homosexualisierung ihrer Kinder durchaus berechtigt?

Rolf Rietmann: Unsere Sexualität ist flexibler, als man gemeinhin annimmt. Auf der einen Seite sind da die Vertreter des Essentialismus. Diese sagen: „Einmal schwul, immer schwul!“ Das ist Genetik, Trieb, unveränderbar und muss ausgelebt werden. Auf der anderen Seite stehen diejenigen Wissenschaftler, die eine flexible Sexualität vertreten. Am bekanntesten ist Alfred Kinsey. Auch Gunter Schmidt, eine für die europäische Sexualpädagogenszene ungemein wichtige Referenz, vertritt diese Flexibilität. Auch der Psychiater Robert Stoller ist hier zu erwähnen.

Zukunft CH: Wo liegt konkret die Gefahr der Beeinflussung?

Rolf Rietmann: Gerade diese Woche hat mir ein Ratsuchender, der in Italien zur Schule ging, erzählt: Wenn die Schüler in irgendeiner Form das Thema Homosexualität in den Unterricht einfliessen liessen, hätte die Lehrerin regelmässig den Rest der Zeit nur noch über dieses Thema gesprochen. Aus einer persönlichen Vorliebe heraus griff diese Lehrerin das Thema immer und immer wieder auf, natürlich einseitig positiv. Heute seien, wie mir der Schüler sagte, von den 26 Schülern dieser Klasse vier „schwul“ und zwei „lesbisch“ empfindend. Von der Statistik her darf man auf 100 Menschen einen bis maximal drei homosexuell Empfindende erwarten.

Die genderideologische Sexualpädagogenszene weiss genau um diese Zusammenhänge der Beeinflussung: Die Sozialisationsforscherin Renate-Berenike Schmidt, die viel mit dem tonangebenden und umstrittenen Sexualpädagogen Uwe Sielert zusammengearbeitet hat, kommt in ihrem Büchlein „Sexuelle Sozialisation - sechs Annäherungen“ zum Ergebnis: „...sexuelles Begehren und sexuelle Identität (sind) nicht ein für alle Mal festgelegt, sondern das Ergebnis einer biografischen Entwicklung, die auch bewussten Veränderungen zumindest partiell zugänglich ist.“

Zukunft CH: Was bedeutet diese Formbarkeit der Sexualität für die Gesellschaft?

Rolf Rietmann: Das Männermagazin vangardist.com schrieb im März 2016: „Laut einer Studie sind junge Amerikaner zwischen 13 und 20 Jahren (…) wesentlich offener, was ihre sexuelle Orientierung angeht, als noch die Generation davor und identifizieren sich nicht mehr nur über die zwei Extreme.“ Nun reden wir von einem anderen Phänomen. Wir könnten es Wahlhomosexualität nennen. Ein Trend, den ich schon seit über zehn Jahren beobachte und ankündige. Dieses Phänomen ist erst recht weitab von Genen oder Biografien. Es ist ein Trend, beflügelt von der liberalen Haltung und den neuen Gesetzen unserer Kultur. Nennen wir sie mal kulturell geprägte Trendsexualität. Dadurch wird unsere Gesellschaft an ihren Grundfesten der Monogamie und der gegenseitigen Ergänzung der Geschlechter in Ehe und Familie erschüttert.

Zukunft CH: Haben Sie selbst erfolgreiche Therapien vorzuweisen?

Rolf Rietmann: Vor wenigen Tagen habe ich eine Mail bekommen: „Dankbar blicke ich auf die Therapie vor ca. 14/15 Jahren zurück, die du mit mir gemacht hast. Nun stehe ich diesen Herbst vor meinem 10. Hochzeitstag und 40. Geburtstag. Seit zweieinhalb Jahren ist unsere Familie mit vier Kindern komplett. Und ich kann sagen: Mir geht es richtig gut! Die Beratung war mir wirklich eine grosse Hilfe, für die ich dir sehr dankbar bin!“ Und letztes Jahr haben drei andere ehemalige Klienten geheiratet.

Als „Erfolg“ zählt jedoch nicht nur die Heirat. Es gibt auch Männer, bei denen die homosexuelle Anziehung in gewissen Stress- bzw. Auslösersituationen in mehr oder weniger leichter Form zurückkommt. Wenn so jemand sagen kann, dass die Anziehung wenigstens deutlich abgenommen hat, und er damit gut leben kann, ist das auch ein Erfolg. Hier hat der Betroffene über sein Gewissen und Lebenskonzept zu entscheiden.

Zukunft CH: Wird ein homosexuell empfindender Mensch in der Therapie „umgepolt", wie es in der Presse oft heisst?

Rolf Rietmann: Das ist wirklich ein sehr beliebter politischer Kampfbegriff mit bewusster Randunschärfe. Er ist sehr schwammig und man versteht wohl Verschiedenes darunter. Von Gehirnwäsche, Manipulation, Zwang, sich etwas einreden, bis hin zur Vorstellung, dass man – mittels Gebet oder Therapie – so etwas wie einen Schalter kippt und dann heterosexuell empfindet. Wer von einer starren, gen- und triebgesteuerten Sexualität ausgeht, die man ausleben muss, wird alle Veränderung wohl nur als „Umpolung“ interpretieren können. Der Begriff impliziert, dass die Sexualität geändert wird. Diese kann ich aber so direkt nicht verändern. Die Veränderung der Sexualität ist eher das Nebenprodukt der Arbeit an tieferliegenden, nichtsexuellen Konflikten.

Zukunft CH: Sind therapeutische Misserfolge Schuld an der hohen Suizidrate homosexuell fühlender Menschen?

Rolf Rietmann: Therapeutische Misserfolge stehen nicht im Zentrum des Vorwurfs, den Quadranti aufgreift. Es geht um die angeblich homophobe Gesellschaft insgesamt, die sich über die Heteronormativität definiert. Mit anderen Worten: Allein dadurch, so wird behauptet, dass die Mehrheit heterosexuell empfindet, findet eine Diskriminierung der Minderheiten statt. Wenn die Genderbewegung Hunderte „Identitäten“ erfindet, definiert sie lauter Minderheiten, die angeblich von der heteronormativen Gesellschaft diskriminiert werden. Ob diese exzessive Bewirtschaftung einer Opferkultur Sinn macht? Bewiesen worden ist die Behauptung, dass die Gesellschaft an der hohen Suizidrate von Homosexuellen schuld ist, allerdings nie. Ich orte hier vielmehr eine politische Instrumentalisierung, was für die wirklichen Opfer dieser Welt eine massive Herabsetzung darstellt! Gerne verweise ich hier auf das Dokument „Homosexualität und Suizidrisiko – Zur wissenschaftlichen Haltbarkeit eines gerne behaupteten Zusammenhangs“ (Heike Diefenbach, 2015), abrufbar unter: https://sciencefiles.files.wordpress.com/2015/09/
sf_diefenbach_2015_suizid-und-homosexualitc3a4t.pdf.

Zukunft CH: Die Interpellation Quadranti und die Medienberichterstattung darüber folgt dem einfachen Schema: Wenn die bösen Homo-Heiler nicht wären, hätten homosexuelle Menschen keinerlei Probleme, wenigstens nicht mehr als alle anderen auch. Was halten Sie davon?

Rolf Rietmann: Ganz und gar nichts. Der schwulenfreundliche Tagi schrieb 2005: „Warum ficken sich diese Männer zu Tode?“ Da hören wir den Suizidversuch auch heraus. Ca. 1,6 Prozent der Bevölkerung machen 73 Prozent der HIV-Neuansteckungen aus. Darf man dazu noch Fragen stellen? Ein Artikel vom Dezember 2015 auf vice.com ist eher etwas für stabile Gemüter: „Crystal Meth, HIV und Pornosex: Drei schwule Männer sprechen über Sex auf Drogen“. Auf der Seite finden sie auch einen Artikel über das Thema Gewalt in schwulen Beziehungen. Die Europäische Kommission hat schon 2002 einen Leitfaden gegen Gewalt in lesbischen Beziehungen für die Polizei herausgegeben. Unter dem Stichwort „Gewalt in lesbischen Beziehungen“ findet man bei Google unzählige Texte, Hilfsangebote, Untersuchungen und Studien. Wer darf über solche Tabus noch reden, und wer hilft den Betroffenen?

Sehr oft begegnet mir das Thema Einsamkeit. Sex gibt es, sagen die Szenengänger, solange man jung ist und gut aussieht. Aber Freundschaft leben, da wird’s schwierig. Einsamkeit ist ein sehr grosses Problem von Homosexuellen, trotz Christopher Street Day (CSD) und grosser Szene. Dieses Anliegen geht doch völlig unter!

Zukunft CH: Kennen Sie ein konkretes Beispiel?

Rolf Rietmann: Ein 17-jähriger erzählte mir von einem Besuch im Heaven, einem Schwulenclub in Zürich. Er habe dort innerhalb von 1,5 Stunden über 20 eindeutige Angebote bekommen. Mehrere von denen, die seine Telefonnummer haben wollten, hätten seine Väter oder Grossväter sein können. Er sei zudem von Gleichaltrigen dazu gedrängt worden, doch nicht so verklemmt zu tun und einfach Spass zu haben. Wer so etwas kritisch hinterfragt, wird gerne als homophob abgestempelt. Das Organisationskomitee des CSD in Köln musste 2009 sogar Benimmregeln herausgeben, um minderjährige Besucher des Anlasses vor Sex in der Öffentlichkeit zu schützen.

Zukunft CH: Befürchten Sie eine Ideologisierung der Psychotherapieszene?

Rolf Rietmann: Eine solche gibt es längst, seit Homosexualität 1973 aus der Internationalen Klassifizierung der Krankheiten und Gesundheitsprobleme (ICD) gestrichen wurde. Die Entscheidung war nicht Ergebnis neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern kam auf politischen Druck durch die Homo-Lobby hin zustande. Fakt ist aber, dass wir Menschen mit ichdystoner Sexualität, d.h. solche, die unter ihrer sexuellen Orientierung leiden und diese verändern wollen, nach der aktuell gültigen ICD-Klassifizierung offiziell nach wie vor behandeln dürfen (ICD 10, F66.1). Schon paradox, dass gerade die, die uns gebetsmühlenartig eintrichtern, Homosexualität sei schon längst aus dem ICD-Katalog gestrichen worden, nicht akzeptieren wollen, dass aber die ichdystone Sexualitorientierung noch drinsteht. Qudrantis Forderung nach einem generellen Therapieverbot für Minderjährige missachtet diese Tatsache ebenfalls.

Zukunft CH: Gibt es gewichtige Stimmen für die Therapiefreiheit?

Rolf Rietmann: Jakob Pastötter, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung, sagte 2014 bei einem Kongress in Kassel: Jeder hat das Recht, Beratung in Anspruch zu nehmen, wenn er Probleme mit seiner Sexualität hat. Dies gelte auch für Menschen mit einer homosexuellen Neigung, die sie nicht ausleben wollen. „Ich kann doch nicht jemanden allein lassen, wenn er nach Lösung seiner Konflikte sucht.“ Allerdings müsse der Betroffene bestimmen, in welche Richtung die Beratung gehen soll und nicht der Berater. Und Robert Perloff, Präsident der American Psychological Association (APA), erklärte 2004: „Der Einzelne hat das Recht zu wählen, ob er eine homosexuelle Identität will oder nicht. Es ist die Wahl des Einzelnen, nicht die Entscheidung einer ideologisch geprägten Interessengruppe.“

Zukunft CH: Sehen Sie fundamentale Freiheitsrechte bedroht?

Rolf Rietmann: Mit der hier intendierten Gesetzesänderung würden wichtige Grundrechte durch den Staat massiv eingeschränkt, insbesondere die Patientenfreiheit. Der Staat hat sich nicht einzumischen, welcher Beratervertrag zwischen Patient und Therapeut, Ratsuchendem und Seelsorger ausgehandelt wird. Auch die hier ebenfalls tangierten Elternrechte einzuschränken ist ein massiver Eingriff in unsere Grundrechte. Es geht um eine gefährliche Tendenz, die schon dem Partnerschaftsgesetz von 2005 innewohnt. Hier wird erstmals der Staat für das affektive Leben der Bürger verantwortlich gemacht. Der Staat hat die heterosexuelle Partnerschaft bzw. die Ehe nie wegen der Liebe geschützt, sondern wegen ihrer staatstragenden, zukunftssichernden Funktion. Der Staat hat sich nämlich nicht in Gefühle einzumischen, sie gesetzlich zu regeln! Wenn wir ihn heute für unsere Gefühle und morgen für die Einschränkung der Elternrechte sowie der Therapiefreiheit verantwortlich machen, welche persönlichen Einschränkungen sind dann in Zukunft zu erwarten? Ist das der Ruf nach einer Moral- bzw. Schariapolizei? Und wer definiert hier, welche Moral zu gelten hat?

Zukunft CH: Macht sich die sogenannte Homo-Lobby wirklich für die Homosexuellen stark? Und gibt es die Homosexuellen als homogene Gruppe überhaupt?

Rolf Rietmann: Nein, absolut nicht, darum spricht man ja auch zunehmend von Homosexualitäten. Ich selber bin ja auch ein Teil dieses breiten Feldes und vertrete die Betroffenen, die Veränderung wünschen. Eines kann ich mit Sicherheit sagen: Wer sich für die Schwulen einsetzt, indem er sich für die Homo-Ehe und (Stiefkind-)Adoption stark macht, bringt den Schwulen nichts. Denn 95 Prozent der homosexuell Empfindenden interessieren sich nicht für diesen Lebensstil und haben somit andere Fragen. Gerade mal 0,084 Prozent der Bevölkerung sind verpartnert und nur 0,035 Prozent haben Kinder in solchen Partnerschaften. Das sind die Zahlen, die wir aus einer Anfrage im Deutschen Parlament haben.

Zukunft CH: Der Vorstoss von Quadranti ist Teil einer globalen Strömung. Von den USA über Grossbritannien bis nach Deutschland gab es oder gibt es ähnliche Bestrebungen. Ist die Homo-Lobby so stark?

Rolf Rietmann: Ja. Die Homo-Lobbyisten können den Journalisten direkt in ihr Notizheft diktieren. Es wird unkritisch alles übernommen. Auch Industrielle wie z.B. der Apple-Chef machen immer öfters Schwulenpolitik und drohen mit ihrer Geldmacht, wie jüngst in North Carolina. Auch Künstler mischen sich immer mehr in die Schwulenpolitik ein, wie zuletzt Bruce Springsteen. In diesen Belangen diktiert mittlerweile eine Minderheit dem Staat die Gesetze. Die Schwulenlobby ist sehr mächtig und alle haben Angst, es mir ihr zu verscherzen! Denn wenn du nicht spurst, stehst du gleich am medialen Pranger. So musste ein Veranstalter sogar Polizeischutz organisieren, als ich einen Workshop hielt. Wenn man bedenkt, dass der Schwulenverband in Deutschland (LSVD) mit deutlich weniger als 4000 Mitgliedern das Lebenspartnerschaftsgesetz durchgeboxt hat, ist das schon beeindruckend bzw. beängstigend. Die haben keinesfalls die Legitimation, für alle Betroffenen zu sprechen!

Zukunft CH: Sie distanzieren sich, wie oben ausgeführt, klar von dubiosen Heilungsangeboten, doch von den Medien werden sie dennoch immer wieder mit damit in Verbindung gebracht?

Rolf Rietmann: In der Schweiz bin ich letztendlich nur sehr selten direkt angegriffen worden. In der Regel wird ein missglückter bzw. schwieriger Therapie-Fall geschildert und dann greift der Journalist in seine Trickkiste und bringt die Geschichte mit wuestenstromCH in Verbindung, einfach, indem er mich erwähnt. 90 Prozent der Leser gehen dann davon aus, dass der Betroffene bei mir in der Beratung war. Dementsprechend bekomme ich dann Hassmails. Diesem Szenario folgt z.B. der Artikel „Ich betete dafür, nicht mehr schwul zu sein“ vom Juni 2013 auf 20Minuten Online. Die im Artikel erwähnte Claudia B. kenne ich nicht. Stattdessen kenne ich den richtigen Namen dieser Person, die sich als Lesbe bezeichnet. Offensichtlich hat sie in einem Vortrag von mir das Gegenteil von dem herausgehört, was ich seit jeher sage. Sie schrieb dann an verschiedene Organisationen Mails, in denen sie absurde Dinge behauptet. So oder ähnlich lief das bisher immer. In solchen Beiträgen, die jeweils nur eine einzelne Situation darstellen, werden Zusammenhänge konstruiert, die es nicht gibt. Wir Berater aber, die für Ratsuchende da sein wollen, werden dafür in Sippenhaft genommen.

Zukunft CH: Wie können wir homosexuell fühlenden Menschen in unserer Gesellschaft wirklich helfen?

Rolf Rietmann: Wir müssen den Betroffenen gut zuhören und sie fragen, wo sie Unterstützung brauchen. Und dann dürfen wir entscheiden, was wir nach unserer Ethik und unserem Gewissen geben wollen und können. Es gibt Dinge, die ich nicht unterstütze und sachlich begründe, ohne Schuldzuweisung! Dann verweise ich auf andere Angebote. Ich habe z.B. kein Problem ein homosexuelles Paar zu begleiten, das zusammenlebt. Sie haben ihre Beratungsziele klar definiert. – Aber gerade auch diejenigen, die sich für das Singledasein entschlossen haben, brauchen Freunde, die sie tragen. Sie brauchen ein Gegenüber im Gespräch, das sie ernst nimmt und nicht moralisiert. Das Thema Einsamkeit habe ich ja schon angesprochen.

In der christlichen Gemeinde plädiere ich dafür, alle Sünden gleich zu behandeln. Es ist sehr bitter, wenn vorehelicher Geschlechtsverkehr oder Pornokonsum geduldet werden, aber ein homosexuell Empfindender, der von seinen Nöten erzählt, aus der Gemeinde ausgeschlossen wird. Diese Ungleichbehandlung ist Unrecht!

Zukunft CH: Wie sollen Eltern, die aus gutem Grund Homosexualität als ein Problem
erkennen, damit umgehen, wenn ihnen ihr minderjähriges Kind eine homosexuelle
Neigung gesteht?

Rolf Rietmann: Leider wird hier alles zu einer Einbahnstrasse. Eltern, so wird gefordert, hätten nur noch eins zu tun: Homosexualität fördernd zu akzeptieren. Das ist mir zu einfach. Im Sinne der oben aufgezählten Studien, dürfen Eltern ihre Kinder durchaus hinterfragen. Auf jeden Fall die schwule Identität. Ich meine, dass die Eltern genauso gehört werden müssen, ihre Gefühle genauso ernst genommen werden müssen, wie die von Betroffenen. Es kommt vor, dass sich Eltern auch zu einem Gespräch anmelden. Gespräche sollten aber sachlich und mit Respekt geführt werden. Gefühle sollen so ausgedrückt werden, dass sie den anderen nicht manipulieren. Es hilft nicht, dem Kind Bibelstellen entgegen zu knallen. Betroffene wie Eltern müssen zuhören, reflektieren und evtl. auch Rat suchen.

Zukunft CH: Wie meistern Sie den Spagat zwischen Eltern und Kindern mit homosexuellen Gefühlen?

Rolf Rietmann: Es ist nicht immer einfach. Kürzlich musste ich mich z.B. klar vom Verhalten eines Vaters abgrenzen. Dieser wollte in einem Dreiergespräch vor seinem Sohn über HIV und Suizidrisiken reden, wie schlimm es den Schwulen doch gehe. Es wurde schnell deutlich, dass der Vater mich für seine Kommunikation instrumentalisieren wollte. Da mache ich nicht mit. Der Sohn, 15-jährig, war sehr selbstbewusst und hat dem Vater deutlich gesagt, was er dazu denkt. Die haben mich für ihr Gespräch gar nicht gebraucht. Mein Rat an die beiden: Da ihr ein Grundvertrauen zueinander habt und einander alles sagen könnt, hört einander bitte einfach noch genauer zu.

Zukunft CH: Vielen Dank für das Gespräch.

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