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Werte und Gesellschaft

 
 
 

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01.09.2015

Homosexualität: St. Galler Tagblatt pathologisiert Leser


Die Debatte darüber, warum Homosexualität auf Ablehnung stösst, sei „von gestern“. Dies schreibt das St. Galler Tagblatt in einem Beitrag zum Fall Vitus Hounder unter dem Titel: „Der Zorn auf Schwule“. Dennoch errege das Thema „heutige Menschen auch in den Leserbriefen dieser Zeitung so stark, dass sich die Frage nach dem Warum“ stelle. Die Antwort des St. Galler Tagblatts aber lautet kurz und knapp: „Angst“; zum einen Angst vor der eigenen, innerlich abgelehnten Homosexualität, zum anderen vor der noch tiefer sitzenden Angst emotional berührt zu werden, weil Homosexualität das weithin propagierte Macho-Ideal vom emotional unberührbaren Mann in Frage stelle. Die Zeitung beruft sich hierfür auf den emeritierten Basler Psychologie-Professor Udo Rauchfleisch, für den Homosexualität im „homosexuell geborenen Menschen“ nur dann zum Leiden wird, wenn er in eine Gesellschaft hineinwächst, die heterosexuell ausgerichtet ist und der Homosexualität mit Ängsten, Repressionen oder moralischen Vorhaltungen begegnet. Dass es unter Fachleuten auch ganz andere Stimmen gibt, davon erfährt der Leser des St. Galler Tagblatts leider nichts.

Die Psychologisierung gegnerischer Positionen ist ein gar einfaches Mittel einer breiten sachlichen Diskussion aus dem Weg zu gehen. Im St. Galler Tagblatt aber werden alle Gegner der Homo-Normalität pauschal pathologisiert. Dabei ist die Diskussion alles andere als „von gestern“. Laut dem deutschen Psychiater Christian Spaemann – Sohn des bekannten Philosophen Robert Spaemann – erreicht ein Drittel der Homosexuellen, die freiwillig eine Therapie machen, eine dauerhafte und befriedigende Umorientierung der sexuellen Ausrichtung. Darum geht es seiner jahrelang therapeutisch erprobten Auffassung nach auch nicht an, Wünsche nach Veränderung der sexuellen Ausrichtung abzulehnen bzw. nur sogenannte gayaffirmative Therapien anzubieten. Das wäre – so Spaemann – „eine Ideologisierung der Psychotherapieszene und eine Missachtung der Autonomie der Patienten“.

Besonders eindrücklich und zugleich bedenklich sind die Erfahrungen, welche die amerikanische Psychotherapeutin Elaine V. Siegel in ihrem Buch „Female Homosexuality“ schildert: In den 80er-Jahren bot Siegel am lesbischen Zentrum einer amerikanischen Universität Therapien an. Schnell meldete sich eine Reihe lesbisch lebender Frauen bei ihr. Es ging diesen um Ängste und Beziehungsprobleme, und nicht darum, den lesbischen Lebensstil an sich in Frage zu stellen. Siegel stiess in der offenen Begegnung mit diesen Frauen auf Unerwartetes: auf grosse Gemeinsamkeiten in ihren Lebensgeschichten, auf eine innere Notwendigkeit, die lesbische Lebensweise gegenüber der heterosexuellen zu idealisieren, und auf eine Schwere des inneren Leidens, das oberflächlich betrachtet durch die Umwelt verursacht schien, tatsächlich jedoch auf tiefe, ungelöste innerpsychische Konflikte hinwies. Mehr als die Hälfte der von Siegel therapierten Frauen wurde heterosexuell, worauf ihr die Leitung des Lesbenzentrums „Verrat an den Schwestern“ vorwarf und keine Klientinnen mehr an sie verwies. Siegel aber war es nicht primär darum gegangen, den Frauen „von ihrem Lebensstil abzuraten": „Meine Arbeit bestand eher darin, zuzuhören und emotional anwesend zu sein.“ Im Lauf der Zeit begriff sie jedoch deren Schwierigkeiten als Entwicklungsstörung, die eine heterosexuelle Objektwahl ausschloss. Obwohl sie sich als liberalen Menschen bezeichnet, erkannte sie die „Verführung, weibliche Homosexualität als normalen Lebensstil anzusehen“ als eine Festlegung, welche jede Möglichkeit zur Veränderung apriori ausgeschlossen hätte.

Seiter hat der Druck auf Therapeuten und Betroffene seitens einer political correctness weiter drastisch zugenommen, und das, obwohl aus wissenschaftlicher Sicht Siegels Beobachtungen nie widerlegt werden konnten. Einen aussagekräftigen Blick auf die Lebensrealität von Schweizer Lesben gewährt die Info-Broschüre des Lesbenverbandes LOS zur „Gesundheit der frauenliebenden Frauen“ (2015). Einer Umfrage unter 356 Frauen zufolge, die sexuelle Beziehungen zu Frauen pflegen, empfinden 26 Prozent ein grosses seelisches Unbehagen, 32 ein mittleres. Dieses Resultat hebt sich, wie die LOS schreibt, klar den Frauen in der allgemeinen Schweizer Bevölkerung ab, wo die Werte bei 6 resp.15 Prozent liegen. Ferner geben 60 Prozent der Frauen an, schon mindestens einmal in ihrem Leben an Selbstmord gedacht zu haben. 33 Prozent haben Pläne für einen Selbstmord gemacht, 13 Prozent sogar einen oder mehrere Suizidversuche unternommen. Selbstverständlich sieht die LOS die Ursachen für die starke psychische Belastung lesbisch lebender Frauen ausschliesslich im diskriminierenden gesellschaftlichen Umfeld. Alle anderen Möglichkeiten werden von Vornherein ausgeschlossen.

Wenn die Diskussion um die Normalität der Homosexualität nicht endlich wieder offener geführt wird, werden wohl auch bei uns – unter Zuhilfenahme neuer Antidiskriminierungs-Strafnormen – bald britische Zustände einkehren: Dort versucht die Ministerin für Frauen und Gleichberechtigung gerade ein landesweites Verbot für Therapien für homosexuell fühlende Menschen durchzusetzen, die aus freien Stücken und unter grossem Leidensdruck eine Veränderung ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung anstreben. Und das, obwohl in Grossbritannien nach einer Statistik aus dem Jahr 2009 von 1‘300 Psychologen 200 mindestens einen ihrer Patienten in eine solche Therapie geschickt haben.